M.O.D.Extrablatt - die Kolumne zum 200. Geburtstag

 

 

 

Happy Birthday, Clara Schumann!

 

 

 

 

 

Herbert in Taufkirchen

oder

Wie Clara den schnöden Mammon schmückte

 

 

Wo findet man sie heute noch, die Veranstaltungen mit dem besonderen Flair? Außer der singenden Makrele und dem im Wassereimer tanzenden Wischmopp, wird mittlerweile ja bereits alles vermarktet. Es geht vermutlich um die Beförderung. Den Aufstieg in den Komiker-Olymp. Man beginnt als erwartungsfroher Komödiant und sobald man einen gewissen Level an banaler Vulgarität erreicht hat, darf man sich auch getrost „Comedian“ nennen. Und obwohl es gar nicht so einfach ist, die Niedrigkeit des Niveaus immer wieder aufs Neue zu unterbieten, gelingt es offensichtlich unzählige Male, denn die Vielzahl heutiger Comedians lässt Böses erahnen.

 

Daher machte ich mich auf die mühevolle Suche nach echtem Humor, im Sinne von witzig und geistreich. Con Spirito. Witz, bei dem auch das Gehirn in Anspruch genommen wird. Vielen genügt es ja, wenn nur die Lachmuskeln arbeiten. Wobei ich zugeben muss, dass ich nur in den seltensten Fällen verstehe, wie sich da was in der Muskulatur rühren kann, wenn die Zutaten des Comedians aus „flach“ und „banal“ bestehen. Aber ich habe freilich schon begriffen, dass heute Komik vorrangig mit ordinärer Krudität gewürzt sein muss. Der Abstieg der Sprache scheint unaufhaltsam. Vulgär wird mit lustig gleichgesetzt, und so kann einem schon mal die Lust vergehen.

 

Trotz all der Hülle und Fülle an zeitgenössisch kabarettistischem Angebot muss man geistreichen Witz heutzutage mit der Lupe suchen. Dennoch bin ich kürzlich auf solch ein seltenes Exemplar gestoßen. Und da war nicht einmal der Blick durch besagtes Vergrößerungsglas vonnöten, den hab ich mit dem bloßen Auge erkannt. 

 

Es war ein kühler Sonntagvormittag im November. Der 10., um genau zu sein. Unser Weg führte uns ins Kulturzentrum Taufkirchen bei München. Natürlich hätte ich mich vorher erkundigen sollen, wie man zum Kultur- und Kongresszentrum gelangt, aber irgendwie war ich der Meinung, das müsste leicht zu finden sein. Und sollte da nicht auch ein Bus hinfahren? Abermals musste ich feststellen, dass sich etliche Busfahrer gestört fühlen, wenn sie, (wohlgemerkt nicht bei der Fahrt, sondern bei ausgeschaltetem Motor) mit einer Frage konfrontiert werden. Es ist nicht das erste Mal, dass ich ein unwirsches „Nein“ erhalte, wenn meine Frage doch eigentlich etwas mehr Ausführung beinhalten dürfte. Gut, ich erfuhr zumindest, dass dieser Bus nicht an mein Ziel fährt. Welcher Bus denn fahren würde, geschweige denn von welcher Haltestelle aus oder gar wann, das sollte ich von diesem Busfahrer nicht erfahren. Wir gaben das Projekt Bus auf und machten uns auf den Fußweg.

 

Die Passanten, die ich nach der Richtung fragte, erwiesen sich in ihrer Auskunftsbereitschaft als weitaus freundlicher als besagter Fahrer. Schade nur, dass der Weg, den sie uns höflich zuwiesen in die entgegengesetzte Richtung führte.

 

Na gut, es war schon irgendwie auch meine eigene Schuld. Ich hatte anfangs stets nach dem Kulturzentrum gefragt. Kultur, hm! Kultur bedeutet heutzutage, das neueste Mobiltelefon zu besitzen. Meine Erkundigung, wo denn das Kulturzentrum sei, schien bei den Befragten die assoziierte Schlussfolgerung hervorzurufen: „Gibt es hier tatsächlich ein Zentrum für High Tech und innovatives Design mit allen Features?“ Nein! Ich meine den Saal, wo richtige Kultur stattfindet. Das klingt wohl irgendwie altmodisch, um nicht zu sagen „analog“. Das klingt nach einer Zeit, in der man noch gedruckte Bücher las. Hätte ich nach einer Definition für hochleistungsfähige Glasfasererschließung für Hochgeschwindigkeitsinternet gefragt, wäre ich mit Sicherheit nicht auf so viele ahnungslose Mienen gestoßen. …

 

Zumindest kannte so mancher das „Jugendkulturzentrum“ – ich weiß nicht, ob ich es als Kompliment nehmen soll, denn schließlich liegt meine Jugend doch schon um einiges zurück. Doch offensichtlich traute man mir ausschließlich diese Adresse zu. Dann fiel mir ein, dass das Mobiltelefon heutzutage ja auch richtungsweisende Funktion besitzt. Spätestens da, als es mir nicht einmal gelingen wollte, selbst mit Hilfe meines smarten Telefons auch nur annähernd die Richtung zu finden, war mir klar, dass ich im Jugendzentrum, egal welcher Art, nichts mehr zu suchen hatte. Außer, dass mir dort wohl vermutlich jeder auf dem Handy die Funktionsweise einer App namens „Stadtplan“ erklären könnte. Und obwohl ich an diesem Vormittag ja durchaus etwas über „Irrungen, Wirrungen“ erfahren wollte, war ich mit dieser Art der (Ver-) Irrungen nicht wirklich glücklich.

 

Zumindest bin ich noch lernfähig. Ich begriff, ich darf nicht nach dem Kulturzentrum fragen, ich muss nach dem Weg zu dem in dessen Nachbarschaft befindlichen Rathaus fragen. Das kannten dann doch einige. Nach geraumer Zeit stießen wir also doch auf jemand ortskundigen, gingen die ganze Strecke wieder zurück und bereits 50 Minuten später, trafen wir ein wenig durchfroren im Kulturzentrum ein. 

 

Doch der ganze Aufwand des leicht strapaziösen Anmarschs sollte sich lohnen. Im Fokus stand an diesem bedeutsamen Vormittag der 200. Geburtstag zweier besonders außergewöhnlicher Persönlichkeiten: Clara Schumann und Theodor Fontane. Präsentiert wurde das Programm von zwei ebenfalls besonders außergewöhnlichen Persönlichkeiten: Herbert Hanko und Claus Blank.

 

„Gelungen“ trifft es. Wird dem vielfältigen Erlebnisreichtum der Matinee aber bei weitem noch nicht gerecht. So ist das, wenn Erwartungen übertroffen werden. Was in dem Fall aber keinesfalls leicht war, denn die Erwartungen waren aus gegebenem Anlass bereits ziemlich hoch. Nicht nur, dass Theodor Fontane sowie das Leipziger Wunderkind Clara Schumann zelebriert wurden, die beiden Gastgeber, der renommierte Taufkirchner Pianist Claus Blank und der moderierende Schauspieler Herbert Hanko hatten die Latte des Erwartungsanspruchs aufgrund ihres qualitativen Renommees per se bereits hoch gelegt. 

 

Im Gegensatz zu so vielen Events war im Kulturzentrum Taufkirchen Wohlfühlatmosphäre angesagt. Die Zuschauer avancierten zu Gästen, denn die Stimmung glich der Salonromantik der zelebrierten Zeitspanne. Man hatte sogar die Möglichkeit, während der Veranstaltung seinen zur Mittagszeit aufkeimenden Hunger zu stillen. In wunderbarer Ungezwungenheit und ohne, dass es in irgendeiner Weise störend wirkte. Unbeschwert wurde dieser Veranstaltungsbonus in die Matinee integriert und unterstrich den lockeren Charakter, was den Sonntag mehr als angenehm gestaltete.

 

Es handelte sich immerhin um die Mittagszeit, wo dem Otto-Normalzuschauer üblicherweise kräftig der Magen knurrt. Wie unangenehm ist es da, das Loch im Magen in der Pause rasch mit einem Imbiss zu stopfen. Nachdem man in der Regel längere Zeit in der Warteschlange verbracht hat, bleiben meist nur wenige Minuten, um die mundgerechten Appetithappen reinzuwürgen und das Getränk hinunterzuschütten. Das hat was von Raubtierfütterung.

 

Wer Speis und Trank also nicht nur als Futterzufuhr betrachtet, war in besagter Veranstaltung des Kulturzentrums gut aufgehoben. Hier wurde während des Bühnenvortrags dezent serviert und man konnte sich Zeit nehmen, sowohl die Speisen als auch die Präsentation oben auf der Bühne zu genießen, ohne sich an Hektik und Eile zu verschlucken.

 

Außerordentlich hochwertig präsentierte Claus Blank den musikalischen Part. Mit exzellentem Klanggefühl griff er vorzüglich in die Tasten, aber auch als Pädagoge und Dirigent wusste er exemplarisch zu überzeugen. Vortrefflich offerierte er ein maßvolles musikalisches Porträt Clara Schumanns, bestach mit unaufgeregter Charakterisierung ihrer Person und ihres Schaffens. So machte Claus Blank, auch Leiter der Musikschule Taufkirchen, mit fast lässig zurückhaltender Bodenständigkeit deutlich, wie sich die ungewöhnliche Pianistin und Komponistin zwischen ihrer großen Liebe zu Robert Schumann und dem Gehorsamsanspruch durch den mächtigen Vater zu behaupten wusste.  

 

In derselben liebenswürdig nonchalanten Manier verlief auch Herbert Hankos Moderation. Seine hochklassige Darbietung verriet einmal mehr die Mühelosigkeit, die das Ereignis zum Erlebnis empor hebt. Schauspieler, Moderator, Regisseur – Herbert Hanko lässt sich keiner Berufsgruppe zuordnen. Doch damit nicht genug. Seine sympathisch sonore Stimme verrät, dass er obendrein als Sänger mehr als versiert ist. Der gebürtige Wiener verfügt über große Stärken, die ihn in seiner Einzigartigkeit unverwechselbar machen: Persönlichkeit, Humor und vollendeter Charme. Ein Charakter, der sich nicht verbiegt, sondern immer authentisch bleibt.

 

Herbert Hanko besticht mit seiner bärenstarken Ausdruckskraft. Dabei gelingt es ihm mit federnder Leichtigkeit, schwerwiegend Existentielles aufs Tapet zu hieven. Wie ganz nebenbei erwähnt, setzt er seine Pointen, die mitten ins Schwarze treffen. Zum Beispiel, als es darum ging, die Abwesenheit der Geburtstagskinder (schließlich war es ihr 200. und bei so einem bedeutsamen Jubiläum kann man schon mal das körperliche Zugegensein der Geehrten erwarten) zu erklären. Dass Fontane wohl gerade „eine Wanderung durch die Mark unternimmt, um dort nach den …, äh, Verzeihung, nach dem Rechten zu sehen“.

 

Der arrivierte Matinee Gastgeber weiß, wie man Lebensweisheiten (auch mit so manch leichter Abwandlung) serviert. So erinnerte er mit pointierter Schlagfertigkeit unter anderem an die Schlussfolgerung, die bis heute Bestand hat und wohl nie an Aktualität verliert: „Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine erschöpfte Frau“.  

 

Und so komme ich wieder auf meine eingangs erwähnte Suche nach dem Künstler mit Geist und Witz. Auf so ein mustergültiges Exemplar des geistreich witzigen Interpreten stieß ich also in besagter Matinee. Und wir wurden sogar mit der Moderatoren de luxe Ausgabe belohnt.  

 

Nach den oben genannten 50 Minuten „Irrungen, Wirrungen der anderen Art“, kamen wir reichlich knapp zum Veranstaltungsbeginn, so dass wir erstmal ganz hinten Platz nahmen. Und das war gut so, denn dadurch machte ich eine verblüffende Feststellung. Hier wurde mir Herbert Hankos Ausstrahlung besonders intensiv vor Augen geführt. Denn selbst in der hintersten Reihe spürte ich seine umwerfende Präsenz – geradezu als wenn er direkt neben mir säße.

 

Es war atmosphärisch, so wie man es sich nur wünschen konnte. Nicht zuletzt Dank Herbert Hankos Persönlichkeit, die derart faszinierend ist, dass seine Ausstrahlung den gesamten Raum erfüllte, mit einer Intensität, die ihresgleichen sucht. Ich konnte ihn regelrecht spüren. Seine Präsenz erfasste mich noch im hintersten Bereich des großen Saales. Er berührte mich fast physisch, allein durch sein in den Raum ausstrahlendes Charisma.

 

Herbert Hanko vermittelte gekonnt Gänsehautmomente. Und dann diese gewinnende Art seiner tiefgreifenden Anziehungskraft. Herbert Hanko ist die Personifizierung von Charme, eigentlich nicht zu übertreffen. Ergänzt mit seinem hochgeistigen Witz, macht es ihn zum idealen Moderator. Seine enorme Vielseitigkeit prädestiniert ihn allerdings zu weit mehr als der Ausübung nur einer Tätigkeit. Was bedeutet, man kann ihn nicht auf ein Metier festlegen. Nur einen Wesenszug offenbart er stets in gleicher Manier: bei allem, was er darbietet, spürt man eine überdimensional große Portion Respekt. Es ist nicht nur die Demut vor der Kunst, es ist der Respekt vor dem Leben und vor dem, der es lebt. Und diese Anerkennung, die Wertschätzung, die Hochachtung und das Wohlwollen, das er dem Menschen entgegen bringt, macht ihn aus. Und prägt Herbert Hanko als Inbegriff von „charmant“.

 

Entsprechend schreibt sein reichhaltiger Erfahrungsschatz die besten Geschichten. Gerne lässt er die Zuhörer daran teilhaben und so sind seine Moderationen stets mit den interessantesten Pointen gewürzt.  

 

In einer frühen Phase der Veranstaltung wartete Herbert Hanko mit einer besonders herrlichen Anekdote auf: „Über Kunst kann man nur mit Bankdirektoren reden, denn mit Künstlern kann man nur über Geld reden!“

 

Da passte es doch, dass gleich zu Matineebeginn die letzte 100 DM Banknote, an die Wand projiziert, dem Publikum entgegenlächelte. Und das aus gutem Grunde. Nicht etwa, weil die beiden Kunstschaffenden nur übers Geld reden wollten. Nein, es ging um die souverän blickende Clara Schumann auf jenem blauen Schein, der kurz nach der Jahrhundertwende der europäischen Einheitswährung weichen musste.

 

Obgleich es sich „nur“ um die 100 DM Banknote handelte, stand über der Matinee im Kulturzentrum Taufkirchen mit der „200“ gleich der doppelte Wert im Raum. Zumindest was die reine Ziffer betraf. Was den Stellenwert der Veranstaltung anging, so muss ich dem Ganzen ein Vielfaches bescheinigen. Apropos Schein, nochmals zur Banknote – ist zwar nur schnöder Mammon, aber dennoch steckt da noch so manch kuriose Geschichte dahinter.

                                                                                                      Herbert Hanko im Gespräch mit Bariton Eric Ferguson, des-                                                                                                       sen substanzvolle Stimme, gleichsam ausgewogen sanft                                                                                                         und angenehm timbriert und vor allem von klarer Kontur,                                                                                                        eine weitere Bereicherung der Veranstaltung darstellte.

 

Vorab ein Wort bzw. eine Vielzahl von Worten zur Gestaltung der neuen Scheine generell. Man hatte sich vorab auf Porträts als Hauptmotiv für die Vorderseite geeinigt. Persönlichkeiten der deutschen Geschichte aus den Bereichen Kunst, Literatur, Musik, Wirtschaft, Wissenschaft und Technik sollten als Köpfe für die neuen Scheine herhalten. Zudem sollten Vorder- und Rückseite nunmehr auch im Zusammenhang stehen. Also kein Bundesadler mehr, mit ausladend weit aufgerissenen Schwingen, wie man ihn bis dato auf dem 100er fand.

 

Ein Gremium, welches ausschließlich aus Historikern bestand, sollte die Auswahl treffen. Von vorne herein verzichtet hatte man in der Vorauswahl auf Parade-Persönlichkeiten wie Goethe oder Schiller und Dürer hatte wohl bereits in der vorangegangenen Serie ausgedient. Auch Persönlichkeiten, die größtenteils im Ausland gewirkt hatten bzw. deren landsmannschaftliche Herkunft nicht eindeutig zugeordnet werden konnte, kamen nicht in die engere Auswahl. Und man wollte jegliche konfessionelle oder politische Aussage im Keim ersticken und ließ auch eventuelle Repräsentanten der entsprechenden Interessensgruppierungen von vorne herein außen vor.

 

Wohingegen man viel Wert sowohl auf Gleichberechtigung wie auch auf Ausgeglichenheit legte. Nicht nur geschlechtsspezifisch, auch in Punkto soziale Herkunft, Konfession und Arbeitsbereich sollte die Ausgewogenheit an erster Stelle stehen. Für zwei bis drei Notenwerte wollte man weibliche Kopfbildnisse abbilden, was sich jedoch erstmal als Problem darstellte. Es sollten Frauen sein, die ein eigenständiges Werk geschaffen hatten. Die Auswahl wurde jedoch immens eingeschränkt von der weiteren Prämisse, dass diese Frauen gleichsam nicht zu viel Zeit im Schatten ihnen nahestehender Männer verweilt haben sollten. Bis ins 19. Jahrhundert waren diese Frauen Mangelware. Das Gremium wurde freilich dennoch fündig.

 

Männer und Frauengestalten sollten sich in der Banknotenserie abwechseln und wohlgemerkt wurde die Zuordnung zu den jeweiligen Notenwerten dem Zufall zugeschrieben und stellte in keinster Weise irgendeine Wertung der abgebildeten Person dar.  

 

Wie gesagt, ohne der pekuniären Wertezuordnung eine in irgendeiner Weise motivierte Bedeutung zuzusprechen, ist es dennoch interessant zu wissen, dass Clara Schumann ursprünglich in der Tat für den 500 DM Schein vorgesehen war. Maria Sibylla Merian stand auf dem Plan für den 100 DM Schein. Das Porträt von Maria Sibylla Merian warf jedoch unvorhergesehene Probleme auf und bis diese gelöst werden konnten, stand vor allem eins im Vordergrund: der Zeitfaktor. Der 100 DM Schein sollte als einer der ersten auf den Markt gebracht werden. Und da es abzusehen war, dass die Druckvorlagenprobleme mit dem Merian-Porträt noch geraume Zeit in Anspruch nehmen würden, entschied man sich mal eben zum Personentausch. Von Clara Schumann hatte man eine qualitativ hochwertige Druckvorlage zur Verfügung, also kam sie auf den 100er. Wow – ein erstaunlicher Beweis, dass die Mühlen der Verwaltungsapparatur auch schnelle Entscheidungen zulassen.   

 

Und noch eine interessante Begebenheit im Hinblick auf das Motiv des letzten 100 DM Scheins. Man hatte entschieden, für jede Banknotenvorderseite zusätzlich eine passende Stadt auszuwählen, bei der sich ein enger Bezug zur abgebildeten Persönlichkeit und dessen Wirkungsstätte herstellen ließ. Schon bald kam man in den Zwiespalt, die Stadt Frankfurt am Main zwei Leuten zuordnen zu wollen. Die Städte sollten aber maximal einmal in Erscheinung treten. Clara Schumann hatte ihre letzten Lebensjahre in Frankfurt verbracht und war somit erste Anwärterin auf Frankfurt. Es sollte sich jedoch herausstellen, dass Paul Ehrlich ebenfalls eng mit Frankfurt verbandelt war, da sein Wirken und Schaffen in erster Linie in Berlin und Frankfurt (Main) stattfand. Da Berlin definitiv an Bettina von Arnim vergeben war, blieb für Paul Ehrlich nur noch eine sinnvolle Lösung: Frankfurt. Kein Problem! Für Clara Schumann stellte sich Leipzig als die viel passendere Lösung heraus. Nicht nur, dass Leipzig ihr Geburtsort und zugleich die Stadt ihrer ersten großen Erfolge war, die Geschichte sollte die verantwortlichen Grafiker auch in weiterer Hinsicht eines Besseren belehren.

 

Hatte man ursprünglich nur den Westen auf dem Schirm, so waren mit Leipzig nun auch die neuen Bundesländer repräsentiert. Und nicht nur mit irgendeiner Stadt, sondern mit der Stadt, in der die ersten Montagsdemonstrationen stattfanden. Die Stadt, die somit unter anderem mit zur Wiedervereinigung beigetragen hat.  

 

Obgleich oder gerade weil die neuen Banknoten erst 1990 in den Umlauf kamen, - das war ja keine Entscheidung als Konsequenz der Wiedervereinigung (Gott bewahre, das hätte nochmal 10 Jahre gedauert bzw. wäre vom Euro überrannt worden), gilt es zu bedenken, dass die Motive für die neue Banknotenserie bereits 1988 entschieden wurden. Zu einem Zeitpunkt, an dem noch gar nicht an Mauerfall zu denken war. Leipzig als Hintergrundmotiv für Clara Schumann war da eher eine Verlegenheitslösung. Mit dem Wissen von heute stellte es sich gar als Volltreffer heraus.

 

1990 löste Clara Schumann also den Kosmographen Sebastian Münster ab. Auf der Rückseite trat an die Stelle der beiden Flügel des Bundesadlers ein einziger Flügel. Ein ganz besonderer Flügel. Allerdings war dieser Flügel nicht weit ausgebreitet, sondern eher weit aufgeklappt. Denn wo vorher der Adler mit breit gestellten Flügeln posierte, stand nun ein Konzertflügel. Und auch sonst blieb ein gewisser Schwung im 100er. Zwar gab es keine markanten Adlerschwingen mehr, dafür positionierte man nunmehr ein schwingendes Symbol auf die am Seitenrand befindliche Weißfläche: die schwingende Stimmgabel. Hinter dem Konzertflügel fand sich dann doch auch noch ein kleines Stück Frankfurt wieder: das Hoch’sche Konservatorium, eine Wirkungsstätte Clara Schumanns. 

 

Bei der Banknote, die zu Beginn der Matinee über der Bühne thronte, handelte es sich also um den Hunderter, gefeiert wurde aber bereits der 200ste. Im Hinblick auf die Jubiläumsveranstaltung im Kulturzentrum Taufkirchen 29 Jahre später, hätte man freilich auch von Bundesbankseite aus etwas vorausschauender sein können und bereits damals entscheiden können, Clara Schumann den 200er zuzuordnen.  

 

Natürlich hätte sich Clara Schumanns Porträt ausgezeichnet auf einer 200er Banknote gemacht, nur allein um dem Motto des Tages gerecht zu werden. Aber freilich galt es bei dieser Matinee, reale Fakten zu präsentieren. Insbesondere, da es einen zweiten Jubilar gab. Und der ist einer der bedeutendsten Vertreter des Realismus: Theodor Fontane.

 

 

Zugegeben, Theodor Fontane kam in dieser Kolumne ungerechtfertigter Weise eindeutig zu kurz. Andererseits: wären Sie mal zur Matinee gekommen! Da hat man nämlich von Herbert Hanko allerhand wissenswertes über Fontane erfahren.                                               

                                                               © Julie und Annemarie-Ulla Nezami-Tavi

 

 

 

 

 

 

 

 

Kleiner Trost: Der Stuhl bleibt sicher nicht lange leer - die nächste interessante Veranstaltung mit Herbert Hanko kommt bestimmt! Und mit etwas Glück ist auch Claus Blank wieder mit von der Partie.

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