M.O.D.Edith PIAF AU BAR

 

Die CD Neuerscheinung bei 

MEHRLINGMUSIK

 

und das neue AnDante Kulturmagazin

als Sonderausgabe anlässlich der Labelgründung

 

 

 

 

 

PIAF AU BAR – Tribut an Edith Piaf

 

 

Die Projekte, an die sich Katharine Mehrling heranwagt, wirken meist äußerst ambitioniert. Vor allem, weil sie sich nicht selten die größten Ikonen der Musikgeschichte „vorknöpft“. Judy Garland – wow. Das muss man sich erstmal trauen. Und dann derart überzeugend, dass man Anbetracht solch verblüffenden Könnens als Zuhörer ohne Worte ist. 

 

Oder „Funny Girl“, wo man geneigt ist, die jeweilige Interpretin der Titelrolle mit Barbra Streisand zu vergleichen. Good news! Muss man bei Katharine Mehrling nicht. Denn mit Hilfe ihrer Persönlichkeit und ihres Talents kreiert Katharine ihre ganz eigenen Charaktere.

 

Dachte man vorher noch: das sind aber große Fußstapfen, in die sie tritt... Aber NEIN, Katharine betritt gar keine, sie schafft ihre eigenen Fußstapfen!!

 

So verhält es sich auch mit ihrem neu aufgelegten Tonträger, bei dem Katharine Mehrling sich dem Chanson ihres großen Idols Edith Piaf annimmt. Ihre CD „Piaf au Bar“, ist für Katharine Herausforderung und Herzenssache in einem. Bei der Interpretation des Piaf-Repertoires ist es Katharine einmal mehr(ling) gelungen, ihren ganz persönlichen Stil zu finden, ihre ganz eigene Figur zu kreieren.

 

Und eines wird klar: es ist die pure Leidenschaft, die als nimmermüder Katalysator ihr Engagement antreibt. Ausschlaggebend ist ihre Bewunderung für wahre Kunst und für den wahrhaften Künstler, vor allem aber ihr Respekt vor dem Menschen. 

 

Katharine Mehrling ist Rohdiamant und edel geschliffener Schmuckstein in einem. Auf den ersten Blick fällt auf, dass Katharine vor allem eines mit Edith Piaf gemeinsam hat. Die Unbeirrbarkeit, mit der sie ihren künstlerischen Weg beschreitet. Wie Edith Piaf, lässt sich auch Katharine Mehrling nicht verbiegen. Sie gibt ihre Persönlichkeit nicht für irgendwelche fadenscheinigen Vorzüge auf und weiß exakt, was sie will. Dabei, und auch diesen Wesenszug hat sie mit Edith Piaf gemeinsam, bleibt Katharine in allem, was sie tut, extrem fokussiert. Sie ist stets authentisch und man könnte beinah sagen resolut, in jedem Fall aber mit konzentrierter Entschlossenheit.

 

Doch dies ist nur der erste Eindruck, denn es gibt noch viel mehr, das die zwei verbindet. Ihrer beiden Musikverständnis – da steckt so viel Emotion und Leidenschaft dahinter. Allein wenn man Katharines CD Vorwort liest …, ach, was heißt hier liest, man kann gar nicht anders, als sich diesen Gedankenaufsatz den Atem anhaltend zu Gemüte zu führen. Das geht ganz tief in den Kern der Seele. Da kommen einem schier die Tränen. Man muss solche Lektüre erst einmal sacken lassen. Denn es geht weit, weit über gewöhnliche Inspiration hinaus. Man realisiert, wie viel Herz und Seele dahintersteckt. Ganz außergewöhnlich!!

 

Und dann begreift man, warum folgende Aussage einer Freundin Katharine besonders berührt hat. Katharine Mehrling: „Kürzlich hat mir eine chinesische Freundin verraten, dass LING, wenn man das Ende betont, Seele bedeutet. MEHRLINGMUSIK bedeutet also MehrSeelenMusik.“  

 

Eigentlich wollte ich das Klischee, dass man einen Beruf nicht einfach nur ausübt, sondern einer Berufung folgt, nicht unbedingt strapazieren. Doch wenn man sich mit Katharine Mehrling beschäftigt, hat man das Bild der Berufung geradezu zwangsläufig vor dem geistigen Auge.

 

Dabei kann man absolut nicht behaupten, Katharine würde bewusst der Berufung folgen, große Vorbilder zu covern. Sie fühlt sich nicht berufen, sie ist es einfach. Keineswegs aus der Wahrnehmung heraus, sondern in der Tat aus der puren Emotion des Herzens geboren. Ihre Liebe zur Musik, zu Jazz und Chanson im speziellen, treiben sie derart leidenschaftlich an, dass ihre Projekte stets in einer musikalischen Personifizierung von Seele resultieren.

 

Um solch einer beeindruckenden Motivation und auch um der formidablen Qualität dieser CD gerecht zu werden, um all das herauszustellen, was Katharine Mehrlings neues Musiklabel auszeichnet - tja, da bedarf es einiges an Superlativen.  

 

Wenn man Katharine Mehrlings Sangeskunst hört, ist man erstmal sprachlos, mit welcher Leichtigkeit sie solch großartige Phrasierungen darbietet. Es gelingt ihr, die Tonsprache derart effektvoll zu justieren, dass diese in einer natürlich warmen Klangfarbenästhetik resultiert, womit sie Herz und Seele gleichermaßen auszustrahlen vermag.

 

Was ihre Einzigartigkeit obendrein unterstreicht, ist das Merkmal, dass sie offensichtlich keinen Einflüssen unterliegt. Sie kreiert ihre eigenen. Fern des Mainstreams, lässt sie in jedes Projekt, das sie angeht, ihre persönliche Handschrift einfließen. Sie möchte nicht massenkompatibel sein, sondern wahrt ausschließlich ihre Authentizität.

 

Auf ihrer CD „Piaf au Bar“ präsentiert Katharine Mehrling ausnahmslos eine raffinierte Verquickung verschiedener rhythmischer Schichten, die in farbenreichen Metaphern münden und so den Sehnsuchtsbegriff surreal werden lassen. Beim Zusammenspiel zwischen Akkorden und Klängen, fließen die Töne rund und sanft ineinander über. Es scheint, als habe Katharine den typischen Piaf-Sound in ihr ureigenes Ding umgewandelt. Dadurch entsteht eine nahezu unerschütterliche Präsenz von Echtheit und Glaubwürdigkeit, die sie in das volkstümliche Pariser Kulturgut eintaucht. 

 

Der Musikstil des Chansons verfügt ja über eine Vielfalt an Rhythmen, verrät dabei typische Akzentmuster hinsichtlich Takt und Metrum und weist vorzugshalber unterschiedliche Balladen-Tempi auf. Hinsichtlich des Textes zeichnet sich der Chanson durch romantische, meist sentimentale Lyrik aus, die an vorderster Front die „Liebe“ thematisiert.

 

Wobei der romantische Aspekt seinen Ausdruck nicht im klassischen Sinn der realitätsfremden Schwärmerei findet, sondern eher in der nüchternen Betrachtung, dem desillusionierten Biss der Ironie, mitunter kritisch, melancholisch und immer mit zahllosen unterschwelligen Sentiments behaftet.

 

Die ganze Palette, die das Thema zu bieten hat, findet sich in der Liebeslyrik des Chansons wieder: Leidenschaft, Verführung, Erotik, Eifersucht, Desillusionierung, Vorwürfe, Drama, Verlangen, Betrug, Melancholie, Streit, Hoffnung, Versöhnung und natürlich die Sehnsucht … Und was vor allem auffällt, Liebe bedeutet im lyrischen Ausdruck des Chansons vor allem eines: hundertprozentige Hingabe und absolute Kompromisslosigkeit.

 

Im Genre „Chanson“ angesiedelt, fällt es auf, dass sich Piafs Liedschöpfer einer großen Bandbreite sowohl an lyrischen wie auch an musikalischen Stimmungen bedienten. Der Chanson-Style hat ja so seine eigenen Gesetzmäßigkeiten und die wurden in den Piaf-Liedern praktisch formvollendet ausgekostet. Denn immer wieder darf man überrascht feststellen, dass die beiden Protagonisten, Musik und Text, in ihren Stimmungsvarianten nicht zwangsläufig bei jedem Lied konform gehen. Das heißt, vorzugsweise zu Beginn ruft der Textinhalt eine ganz andere Stimmungsgrundlage hervor, als dies die musikalische Wirkung vermag. Auf diese Weise scheinen die atmosphärischen Komponenten anfangs verschiedenen Emotionen zu entspringen, nähern sich im Verlaufe des Chansons dann aber an, um letztendlich einander doch zu finden.

 

Der häufig anzutreffende Gegensatz im Grundton der Stimmung zwischen Textinhalt und Musik, macht definitiv Sinn und lässt sich am besten so erklären: der Text umschreibt die Schwermut, die Musik entspricht der Medizin. Die Musik zu hören, ist das Antidepressivum in Form von musikalischer Schönheit.

 

Die Elemente Musik und Text erzählen auf diese Weise noch eine zusätzliche, nämlich ihre eigene Geschichte, bevor sie ihre perfekte Symbiose eingehen. Faszinierend! Und rar – wie das bei einem wertvollen Schatz eben auch der Fall ist.

 

Deshalb ist es eine besondere Freude, Katharine Mehrlings CD „Piaf au Bar“ auf sich wirken zu lassen. Hier präsentiert Katharine eine gelungene Auswahl der wunderbaren Edith Piaf-Lieder, die den urbanen Sound der französischen Volkskultur umarmt.

 

Mit gehöriger Neugierde und fast auch ein wenig ängstlich lauert man gespannt darauf, wie Katharine Mehrling diese Liedperlen umgesetzt hat. Dass die Erwartungshaltung bereits von Haus aus hoch ist und eine Steigerung kaum möglich scheint, macht den unterschwellig brodelnden Angstfaktor aus. Und dann plötzlich … – wird man nochmal um ein vielfach Begeisterndes überrascht. 

 

Beim Anhören des Albums, ist der erste Eindruck, dem man sich nicht erwehren kann, das intuitive Einfühlungsvermögen, über das die Interpretin unzweifelhaft verfügt. Was heißt „verfügt“? – Das ist bei weitem nicht aussagekräftig genug. Katharine hat die Empathie gegenüber Piafs Darstellungsvermögen in ihr eigenes Naturell einverleibt. Es ist, als erlebe man Edith Piafs musikalische Wiedergeburt.

 

Edith Piaf hatte ihre ganz persönliche Art Chansons und Balladen zu interpretieren. Mehr noch als die dramatischen Texte oder auch die anrührenden Musikklänge vermochte es ihr ureigener Gesangsstil die Tragödien ihres Lebens widerzuspiegeln. Die Lieder waren fantastisch, keine Frage! Aber es war Piafs Sangeskunst, die das Phänomen ausmachte. Ihre Stimme, die besagtem Stil zu einer unverwechselbaren Einzigartigkeit verhalf, schien ihre eigene Lebensgeschichte zu reflektieren. Und die Lieder erzählten die Geschichte einer einzigen spezifischen Liebe, während sie zugleich Gedanken zur grundlegenden Geschichte der Liebe generell preisgaben. 

 

Katharine Mehrling präsentiert das künstlerische Pendant zur wahrscheinlich großartigsten Chanson-Ikone aller Zeiten. Und so ganz nebenbei sieht man sich beim Anhören der Mehrling‘schen Interpretation auch noch dem intensiven Gefühl ausgesetzt, aus Zeit und Raum herausgezogen zu werden. Die verschiedensten Lebensgefühle wie Freude, Trübsinn, Melancholie, Neugier, Glück, Lebenshunger und Hoffnung treffen immer wieder aufeinander, vermischen sich zu Geschichten mit offenem Ende. Mit genügend Spielraum für den Zuhörer auch die eigene Vorstellungskraft zu nutzen.

 

Im Wesentlichen stellt das Album viel mehr dar, als die musikalische Auseinandersetzung mit der Piaf und der Stilrichtung des Chansons. Es ist Katharine Mehrlings Huldigung an die Musik, an die Kunst und an eine Künstlerin, die Musik und Kunst lebte.

 

Es ist die tiefgreifende Liebe zu ihrer Musik, die Katharine Mehrling in sich trägt. Sie hat die Liebe nicht nur an der Oberfläche als floskelhaften Begriff einstudiert, sondern das tatsächliche Gefühl dafür inhaliert. Und da trifft es sich gut, dass Edith Piafs Lieder auch zumeist die Geschichte der Liebe widerspiegeln.

 

Wobei der Begriff „Geschichte“ zeitlos auch das „Jetzt“ umfasst. Denn Liebe ist immer präsent, egal zu welchen Zeiten. Ganz unbestreitbar leben wir in Zeiten, in denen man kritischer denn je sein sollte. Mehr Dinge zu hinterfragen, ist dabei essentiell. Wir leben in einer offensichtlich schwierigen Welt. Aber genau in solchen Zeiten können wir das meiste lernen, wenn wir uns offen begegnen. Indem wir auch mal geistige Nähe zulassen. Akzeptanz statt Ignoranz. Und dass uns dabei sowohl die Sprache der Musik als auch die Auseinandersetzung mit Zwischenmenschlichkeit und Liebe den größtmöglichen Dienst erweisen, sollte außer Frage stehen.  

 

Tief in die Musik der Chanson-Ikone, Edith Piaf, eingetaucht, gelingt Katharine Mehrling eine gediegene Mixtur aus rhythmischer Intensität und einer melodischen Prachtpalette voller Emotionen und Harmonieerrungenschaften.

 

Ausschlaggebend dafür, dass es Katharine Mehrling auf ihrer CD „Edith Piaf“ so mühelos gelingt, den Spirit der Lieder zu transportieren, ist natürlich die Tatsache, dass Katharine selbst über eine Stimme mit extrem berührender Klangfarbe verfügt.

 

Nichtsdestotrotz: es ist eine Sache, über eine grandiose Stimme zu verfügen. Um jedoch die vielseitigen Klänge, die zahlreichen Schattierungen, die intensiven Details, die treffsicheren Phrasierungen, die Flexibilität kunstvoller musikalischer Kapriolen, die Katharine Mehrling ihrer Stimme entlockt, bewerkstelligen zu können, bedarf es nicht nur einer großartigen Stimme, einer erstklassigen Ausbildung und unaufhörlichem Training, sondern auch einer ganz besonderen Leidenschaft. Die Tiefe der Passion, mit der sich Katharine für ihre Musik engagiert, dürfte dabei ziemlich einzigartig sein. Dass Katharine zudem über ein phänomenal kraftvolles und zugleich sensibles Stimmvolumen verfügt, deren Spektrum nicht auf einzelne Fachrichtungen beschränkt bleibt, hilft freilich ungemein.

 

Es ist die Besonderheit, die die Künstlerin Katharine Mehrling ausmacht. In jeder Hinsicht: ob musikalisch oder menschlich. Und beide Komponenten verknüpft sie untrennbar miteinander. Sie lässt sich um keinen Preis verbiegen, sondern steht für ihr außergewöhnliches Naturell, ihre prägende Persönlichkeit und ihre charaktervollen Wesenszüge. Und all diese Eigenschaften bringt sie in ihre Musik ein. Das Ergebnis: Katharine Mehrling – authentisch.

 

Dieses „Charakter unplugged“-Phänomen bewirkt noch eine weitere Eigenheit. In der Regel unterscheiden wir ja zwischen Kopfstimme und Bruststimme. Katharine fügt den beiden jedoch noch ein Gesangsregister hinzu: ihre Stimme kommt zudem vom Herzen. Das Herz als stimmlicher Resonanzraum. Sie meinen, das sei biologisch nicht möglich? Dann hören Sie sich die CD „Piaf au Bar“ an! 

 

Die Attraktion dieser CD liegt tatsächlich auch darin, die Erfahrung zu schaffen, die keine Angst davor hat, von Herzen kommend zu sein. Für die Zuhörer begibt sich die Sängerin tief hinein, in Kulturgut und Tradition, frei von Zynismus, fokussiert und aus dem reinen Gefühl heraus. Die Identifikation mit der Piaf, die Gabe sich in Sehnsucht und Abgründiges hineinzuversetzen, scheint Katharine nicht die geringste Mühe zu kosten. Die Empathie steckt in ihrem Naturell.

 

Dabei proklamiert Katharine auch noch die bislang unentdeckte Verwandtschaft zwischen „traditionell“ und „zeitlos“. Dass es sich hier keinesfalls um ungleiche Geschwister handeln muss, ist eine weitere Entdeckung, die man beim Anhören der CD machen kann. Und, dass die Verwandtschaft fast formvollendete Charaktereigenschaften haben mag, springt einem dabei regelrecht ins Auge, - Verzeihung – in dem Fall: ins Ohr.

 

Aus musikalischer Sicht muss man vorwegschicken, dass die emotionale Grundlage eines jeglichen Chansons eindeutig die Sehnsucht ist. Das Chanson stellt bereits melodisch klar, dass die Lieder etwas zu erzählen haben.

 

So verhält es sich auch beim ersten Titel „Emporte-moi“. Wir befinden uns, wie so oft in Piafs Liedern, im Milieu des Nachtlebens. Was eignet sich da besser als Schauplatz als Pigalle, der Stadtteil in Paris, der für sein neonbeleuchtetes Rotlichtviertel bekannt ist. Hier, wo auch das Varietétheater Moulin Rouge beheimatet ist, beginnt die musikalische Reise des Chanson-Reigens. 

 

Doch es sind nicht die Sterne, die Pigalle nachts zum Leuchten bringen. Die Chanteuse weiß, warum in Paris die Herzen nachts schnell altern. Die Neonlichter bezeichnet sie als harte Lampen und sie stehen für die Härte des Lebens. Man ahnt, dass sie die Frau an der Bar sein könnte, die alleine singt.

 

Für den Augenblick sieht man vor dem geistigen Auge, wen Katharine in der Frau an der Bar sieht: Edith Piaf. Jene Chansonsängerin, der Katharine dieses Album widmet. Und gemeinsam teilen sie nur einen Wunsch: Bring mich weit weg von hier!

 

Auch in „Emporte-moi“ dominiert die Sehnsucht, allerdings stärker geprägt von einer bestimmenden Entschlossenheit. Katharine transportiert die musikalische Botschaft effektvoll, indem sie die Wesensmerkmale dessen, was den festen Willen ausmacht, gekonnt in ihren Ausdruck einfließen lässt und dabei wie selbstverständlich den Klang der Sehnsucht integriert.

 

Die Einspielungen der Original-Piaf-Interpretation am Anfang und am Ende des Liedes bewirken zusätzliche Gänsehautmomente! Beim Übergang der Aufnahmen von damals und heute erscheint es einem, als haben Edith Piaf und Katharine Mehrling ihr eigenes akustisches Universum gegründet.

 

Edith Piaf hat nicht selten mit gehaltvollen Metaphern jongliert. In ihrem Repertoire findet sich die Hymne an die Liebe. Und obwohl es das einzige Chanson ist, das den Begriff des feierlichen Preisliedes auch im Titel trägt, hat sie ebenso anderen Vorstellungen oder Objekten mit Hymnen gehuldigt.

 

Auch „Le vieux piano“ ist eine Art Hymne. Und zwar an das alte Klavier. Eine Huldigung an das Klavier und gleichsam eine Ehrerbietung an das Leben und an die Liebe. Die Piaf machte in ihren Liedern deutlich, dass sie dem Mittelmaß nicht vertraute – es ging immer um alles und nichts.  

 

Die Möglichkeiten am Klavier sind ja unbegrenzt, das Repertoire ist so gesehen endlos. Es scheint, dass ein Leben einfach nicht ausreicht, um alle Möglichkeiten an diesem Instrument auszuschöpfen. Das klingt auf den ersten Blick wie eine traurige Tatsache, ist andererseits aber auch ein unheimlich schöner Gedanke, denn letztendlich ist es das Streben nach Erschließung eines immer weitreichenderen Repertoires, das die Musik so lebendig macht. Und diesem Instrument zollt das Chanson „Le vieux piano“ mit den Zwischentönen der Nostalgie Tribut.   

 

Auch bei „Le vieux piano“ begegnet man im Stimmungsgrundton der Entwicklung – wie sentimentaler Textinhalt und schwungvolle Musik schier aufeinander zu stürmen. Geradezu leichtfüßig erzählt nicht nur der Text, sondern auch der Sound von den besseren Zeiten, die das Klavier einst gesehen hat. Man wird der Lebendigkeit gewahr, die das alte Instrument einmal in sich trug. Das kecke Hüpfspiel, hin und her zwischen den Akkordkästen, fordert beinah zum Kickschritt-Mitmachen auf. Und wer keine großen Sprünge machen mag, der wippt zumindest unweigerlich mit. Und wieder muss ich betonen, mit welcher Leichtigkeit Katharine Mehrling derartige Phrasierungen unvergleichbar großartig darbietet.

 

Gleich ihrem Pianisten, der voll mitreißender Verve in die Tastatur greift, verleiht Katharine ihrer Stimme die Musikalität, die den Klängen derartige Authentizität verleiht. Auf diese Weise versprüht sie die überraschende Erkenntnis, wie die Schwere der Lyrics in harmonischer Eintracht mit frech-dreister Leichtfüßigkeit der Musik stehen kann.

 

Diese Symbiose macht die Königsklasse des Chansons aus. Einer grandiosen Interpretation geschuldet springt einem eine weitere musikalische Verwandtschaft ins Auge respektive ins Ohr. Einige Elemente des Swing im vertrauten Crossover mit Jazz fügen sich nahtlos in das Chanson ein. Danke, Katharine, für diese natürlich anmutende Leichtigkeit!

 

Im Song „Le vieux piano“ kann Katharine Mehrling ihre andere große Liebe, die zur Jazz Musik ausleben. Gleichzeitig sieht man sich über den großen Ozean in die Ära der aufkommenden Musical- und Tanzfilme, in die Blütezeit der Gershwin-, Berlin- und Porter-Kompositionen hinein katapultiert, denn Katharine gelingt es, im klassischen Jazz-Stil die Elemente der Musicalrhythmen offenbar mühelos ins Chanson zu integrieren.

 

Eindrucksvoll stellt Katharine unter Beweis, dass sie im Jazz-Style zuhause ist. Wobei das bei ihr nicht bedeutet, dass sie nicht auch in reichlich anderen Stilrichtungen mehr als genial brilliert. Ihre Stimme verfügt über ein dermaßen breites Spektrum an Klangmöglichkeiten: Virtuosität, die ihresgleichen sucht! Und wie gut sie sich in Klangfarben auszudrücken vermag, beweist sie einmal mehr auf dieser CD.

 

Auch das nächste Lied birgt den textlichen Hymnencharakter. Diesmal ist es Edith Piafs Hommage auf ihre Stadt Paris. Wobei man nie so ganz von dem Gefühl wegkommt, dass es sich bei dieser Beziehung um eine Art Hass-Liebe handelt. In „Sous le ciel de Paris“, unter dem Himmel von Paris, ist es allerdings eindeutig die Liebe, die ihr Herz dominiert, wenn sie sich umsieht in den Straßen ihrer Stadt.

 

Hier entfleuchen Lieder kurz nach der Geburt. Dabei wurden sie doch vom Herzen ausgetragen. Auch die Liebhaber sind schon auf dem Heimweg. Aber zumindest wurde die Basis für das Glück schon gelegt. Wobei man nie vergessen darf, dass Glück im Gegensatz zu Freude (pures Gefühl) ein Mischgefühl ist. GIück kann niemals die Reinheit der Emotion aufweisen, wie sie beispielsweise Freude innehat. Und eine weitere Vermischung steht zu Buche: das Elementgemisch Luft.

 

Wobei „l’air“, welche Edith Piaf mit besonderer Vorliebe in ihren Liedern thematisierte, im französischen Sprachgebrauch sowohl für die Luft als auch für die Melodie steht. „L’air“ spielt in Piafs Liedern immer wieder eine herausragende Rolle und da ist es naheliegend, dass in den meisten Fällen freilich die melodische Auslegung trifft. Trotzdem will ich nicht verschweigen, dass die häufig als Metapher verwendete „air“ mitunter durchaus beide Deutungen zulassen würde. Aber was soll’s: Luft ist ja nun mal auch beim Musizieren die wichtigste Komponente. Und so bleibt es in der Familie.   

 

Auch in „Sous le ciel de Paris“ begegnen wir der „air“. Hier ist es die Atmosphäre und so kommt man nicht umhin, zu glauben, dass „air“ sowohl die Luft wie auch die Weise darstellt, die speziell für die Verliebten in Paris gemacht ist. Die Erzählerin berichtet von den Menschengruppen, die ihr explizit aufzufallen scheinen und die ihr offenbar auch besonders am Herzen liegen. Die Philosophen, Musiker, Landstreicher, Bettler, aber auch die schaulustige Menge. Generell die Menschen, die zu Tausenden strömen oder sich einfach nur tummeln. Und sie erzählt von den kleinen Dramen, für die es aber immer eine Lösung zu geben scheint. Dann ist da noch der Seemann. Und was zeichnet seine Besonderheit aus: er spielt Akkordeon.

 

Und irgendwann wird klar, dass die Chanteuse ihr Augenmerk auf die Natur richtet. Sie beobachtet die Vögel, die aus aller Welt in Paris eintreffen, um unverbindlich miteinander zu plaudern. Und vor allem geht es um den Himmel, der Sonnenstrahlen, Regen, Donner und eben auch die Farben des Regenbogens schickt. Denn der Himmel ist seit Menschengedenken oder gar noch viel länger in die kleine Binneninsel Île Saint-Louis, die inmitten von Paris die Seine ziert, verliebt. Dieser Verliebtheit geschuldet, zieht der Himmel so häufig seinen besten Mantel an. Ja genau, den guten Blauen.

 

So bekommt man schnell den Eindruck, dass Paris eben doch die beste aller möglichen Welten ist. Dass sich auch Voltaire, namhafter Bewohner besagter Île Saint-Louis, auf seine ganz persönliche Weise des Postulats bediente, ködert das Augenmerk insbesondere, kann aber mit entsprechendem Augenzwinkern angesehen werden.

 

Tja, und dann singt der Abend die Hymne eines liebenden Volkes. Es ist die Hymne an die Liebe … – Aber das ist dann auch ein anderes Lied.

 

Katharine Mehrling startet „Sous le ciel de Paris“ wie eine musikalische Betrachtungsreise. Erweckt der mild angedeutete Schwung lateinamerikanischer Rhythmen zu Beginn noch den Eindruck, gleich befinden wir uns in einer auf Bewegungsgefühl bezogenen Latin Jazz Ballade, so wird einem schnell bewusst, dass Bewegung und Gefühl zwar eine große Rolle spielen, aber in ganz anderer musikalischer Hinsicht.

 

Exzellent, mit welcher Feinheit im melodischen Ausdruck Katharine diese Latein gefärbten Sahnehäubchen präsentiert und dabei den Rhythmen regelrechte Sanftheit verleiht. Es wirkt wie eine bedachte Annäherung, wenn sich die Solistin in gemäßigtem Tempo auf die eigentliche Musikkomponente, den Valse Musette Stil zubewegt. Auf ihre einzigartige Weise ergründet Katharine nicht nur das Vivace-Wesen des Himmels über Paris, sondern auch die Lebhaftigkeit farbiger Klanglandschaften.

 

Edith Piaf hat ihren gehörigen Anteil daran, dass sich die Musette im französischen Chanson großer Beliebtheit erfreut. Sie erscheint auch irgendwie als Botschafterin jenes Instruments, das dem ¾ Takt der Walzermelodie und den Musette-typischen Triolen den charakteristischen Klang bereitet: das Akkordeon. Piafs Stimme und das Akkordeon – die beiden sind einst eine Verbindung eingegangen, deren Beziehung das Adjektiv perfekt rechtfertigen.

 

Auch Katharine Mehrling scheint die Valse Musette geradezu in die Wiege gelegt oder anders ausgedrückt: Piafs Paradedisziplin liegt Katharine perfekt in der Stimme.

 

Das Akkordeon, das in der Musette so einen „ohrenscheinlichen“ Part belegt, hat auch am nächsten Lied essentiellen Anteil. „L’Accordéoniste“ handelt von dem Mann, dessen Leidenschaft dem Akkordeon gilt, dessen Herz aber zudem einer Prostituierten gehört. Die Tragik dieser Liebe besteht in erster Linie an den Umständen der Zeit. Vor dem Hintergrund des Krieges kann man kaum auf einen glücklichen Ausgang hoffen. Der Akkordeonist wird einberufen und kehrt nicht zurück. Zurück bleibt die Prostituierte, ihr Schicksal ist voraussehbar.

 

Auf der CD „Piaf au Bar“ wird wiederum genial veranschaulicht, welchen Effekt eine eher ungewöhnliche Umsetzung hat. Wenn Vassily Dück am Akkordeon einsetzt, denkt man erstmal: „Toll, klasse Intro!“ Doch bald stellt man fest, es ist gar kein gewöhnliches Intro. Es geht weit über ein Intro hinaus, denn es erzählt eine eigene Geschichte.

 

Das Akkordeon gibt die Stimmung wieder, aus der Zeit, als das Leben noch in Ordnung war. Die Tempi-Steigerung macht dabei eine gewisse Schnelllebigkeit deutlich. Dann startet der ernüchternde Vokalteil, denn er bringt uns in die bittere Gegenwart zurück, in der nun auch die Musik angekommen ist. Die abrupten Wechsel im musikalischen Zeitmaß intensivieren den textlichen Inhalt. Die Tragik dieser zum Scheitern verurteilten Liebe wird noch viel deutlicher. Nicht nur der Text, auch die musikalische Begleitung unterstreicht das Leid, das das Schicksal für die Prostituierte und den Akkordeonisten bereitgestellt hat. Quintessenz: sie hatten nie eine Chance.  

 

Dass diese musikalische Ausdrucksfähigkeit so selbstverständlich gelingt, liegt nicht zuletzt an Vassily Dücks behänder Fingerfertigkeit. Für einen grandiosen Akkordeonisten wie ihn liegt es auf der Hand, das Akkordeon als Instrument vielschichtiger Ausdrucksmöglichkeiten des musikalischen Spektrums zu begreifen. Und so ist es denn nur natürlich, dass er auch die Stimmung des französischen Kulturguts authentisch zu transportieren vermag.

 

Aber auch die sonstige musikalische Begleitung erweist sich als herausragend. Ferdinand von Seebach (Klavier, Posaune, Tuba UND ARRANGEMENTS), HD Lorenz (Kontrabass), Stephan Genze (Schlagzeug), Jo Gehlmann (Gitarre) und der bereits genannte Vassily Dück am Akkordeon, sie alle beweisen auf dieser CD, mit welcher Passion sich Klangperfektion am Instrument erreichen lässt.

 

Und während die Interpretin wehmütig mit dem Schicksal hadert, wissen die großartigen Instrumentalisten ihre Gedanken effektiv zu unterstreichen. Man kann miterleben, welch genialer Meister der schwarz-weißen Tasten Ferdinand von Seebach ist. Mit Kraft und rhythmischer Dynamik sowie viel Liebe zum Detail, beweist er sich als stilsicherer Wanderer auf der Reise durch die musikalischen Stimmungsebenen des Chansons. In dem sehr expressiven Genre präsentiert Ferdinand von Seebach ein pianistisches Feuerwerk (übrigens das einzige Feuerwerk, das ich als bekennende Feuerwerksgegnerin befürworte).

 

„L’Accordéoniste“ macht besonders deutlich, wie sehr sich die instrumental bewirkte expressive Kraft mit Katharines stimmlicher Ausdrucksstärke ergänzt. Während die verzierte Ausgestaltung der dramaturgisch raffiniert ausstaffierten, klimpernden Klavierbegleitung und die rasante Tempi-Steigerung sozusagen ein furioses Drama beschreibt, weiß Katharine den drastischen Aspekt der Tragik in Musik und Text noch zu erhöhen. So bringt sie zum Ausdruck, wie Verwerfung die Seele zerstört, wenn es um Liebe, Leidenschaft und Abschied geht. Seelische Hinrichtung sozusagen. Und alles im Namen der Liebe! Das abrupte und ebenso rigorose „Arrêtez! Arrêtez la musique!“ erfreut sich als schaudernder Abschluss einer durchaus angemessenen Wirksamkeit.

 

Und natürlich wäre es nicht Katharine Mehrling, wenn die Interpretin nicht in allen Liedbeiträgen auch ihre ganz eigene Note einbringen würde. Angereichert mit Jazz Elementen, präsentiert sie das Chanson in kunstvoll erweitertem Design.

 

Auch in diesem Song kostet der ¾ Takt seine Präsenz aus. Dazu kreiert Katharine gleich mal den innovativen Jazzstil. Ich nenne ihn hier einfach mal frei heraus: Valse Jazz. Oder Jazz Valse, denn den Anteilen geschuldet könnte man es auch als eine neue Walzerform betrachten. In jedem Fall wird aber eine musikalische Ehe geschlossen: Chanson und Jazz geben sich hier einvernehmlich das Ja-Wort. Und als Eltern des Jazz-Chansons gründen sie auf dieser CD eine rhythmische Großfamilie.  

 

Katharines Interpretation lässt die Wesensmerkmale der verschiedenen Stilrichtungen verinnerlichen. Wie beinah alle Chansons thematisiert auch „L’Accordéoniste“ den bedingungslosen Selbstausdruck. Katharine unterstreicht dies durch ihre völlige Hingabe im Moment des Musizierens. Sie gewährt dabei den unverstellten Einblick in das tiefe Erleben des Augenblicks.

 

Wie immer versieht Katharine auch dieses Chanson mit ihrer musikalischen Handschrift. Gerade bei der Übernahme von Rhythmen aus dem Repertoire der vielschichtigen Jazz Musik wird klar, dass Katharine in keine Genre-Schublade passt. Sie ist einfach in der Sinfonie der Gesamtheit zuhause. Wie sie die Elemente verschiedener Stile ineinander verschmelzen lässt, ist einzigartig. Und so schafft Katharine Mehrling den Prototyp dessen, was die Verbindung zwischen französischem Chanson und Jazz ausmacht.

 

Und genauso verhält es sich auch in „C’est un gars“. Diesmal geht es um die Honorierung des ausgemachten Kerls schlechthin. Und auch in diesem Chanson erklimmt der Jazz die Höhen des musikalischen Olymps, bewohnt von den Göttern der unterschiedlichsten Stilrichtungen. In „C’est un gars“ triumphiert vor allem der Hot Jazz. Es ist, als wenn Paris auf New Orleans trifft, als wenn Katharine good old Satchmo Louis Armstrong in die „Bar jeder Vernunft“ eingeladen hätte, um mit ihm zusammen das Chanson zu feiern, um mit ihm zusammen der Piaf zu huldigen.

 

Und Ferdinand von Seebach macht deutlich, wie der New-Orleans-Jazzer seine Maßstäbe setzte. Dominierte bis dato die Kollektivimprovisation, trieb Satchmo maßgeblich die Entwicklung zum herausgestellten Jazz-Solo voran. Dass Ferdinand von Seebach seine Soli auf der Posaune darbietet, tut dem authentischen Klang keinen Abbruch. Denn während Louis Armstrong auf der Trompete seine beispiellosen Darbietungen perfektionierte, gelingt Ferdinand von Seebach auf der Posaune ein ähnlich exzellentes Paradestück.

 

Einfach herrlich, wenn Katharine Mehrling die Tradition der improvisatorischen Jazzinteraktion dann auch noch auf dem Mini-Saxofon aufgreift. Das kongeniale Zusammenspiel wird zu einem Festival der Gefühle, was die atmosphärische Stimmung auf den Gipfel besagten Olymps treibt.   

 

In der Beschreibung „C’est un gars“ wird die ganze Welt vollkommen gleichgültig, denn die Liebe hat zugeschlagen. Der Kerl, der plötzlich ihr Leben betrat, sagte verrückte Sachen, wie dass sie hübsch sei. Sie hält ihn für einen Engel – in vielerlei Hinsicht. Ist sie noch auf dieser Erde? Wird er für immer bei ihr bleiben? Satchmo Louis Armstrong blickt als freundlicher Engel in jedem Fall wohlgesonnen auf diese Interpretation herab.

 

„C’est un gars“ geht übergangslos in „Le brun et le blond“ über. Hier erzählt die Solistin darüber, dass es in ihrem Leben zwei Jungen gibt, einen brünetten und einen blonden, die sie beide auf ihre persönliche Weise lieben. Der Braunhaarige steht für Ernsthaftigkeit und auch für Traurigkeit, ebenso für Schönheit und Jugend. Er nimmt die Liebe extrem ernst, was ihm Qualen bereitet und sogar Selbstmordgedanken hervorruft. Das Wesen des Braunhaarigen dokumentiert, wie die leidenschaftliche Ergebenheit das Herz verfolgt. Denn hier zeigt sich wie Leidenschaft Leiden schafft.

 

Selbst in der Liebe, wo Freude dominieren sollte, ist von Traurigkeit die Rede. In dieser Kombination ruft die Freude freilich Freud auf den Plan. Denn, wenn die Liebe zum Selbstmord anregt, so ist das keine gesunde Konstellation mehr.

 

Der Blonde hingegen steht für das Lachen. Alles an ihm lacht. Das emotionale Ausdrucksverhalten sprüht ihm geradezu aus den Augen. Tja, und sobald er genug gelacht hat, verlässt er sie wieder.

 

Auch in „Le brun et le blond“ lässt der Arrangeur, Ferdinand von Seebach, den typischen Wah-Wah-Effekt der Armstrong‘schen Klänge einfließen. Doch die am vokalen Ausdruck orientierten Tongebilde umfassen noch eine Vielzahl an weiteren Stilrichtungen.

 

Klangvoll stehen sich die zwei Protagonisten, der Blonde und der Braunhaarige, gegenüber. Die Künstlerin vermag es in ihrer musikalischen Ausdruckskraft, die beiden wie Kandidaten eines Modelwettbewerbs in Konkurrenz zueinander treten zu lassen. Sie selbst übernimmt die Aufgabe des Gremiums, das die Bewertung abgibt. Die Abwägung beider Charaktere findet in klanguntermaltem aufeinander Zuschreiten statt.

 

Natürlich stehen Blond und Brünette für mehr als nur eine Haarfarbe. Da könnte auch jeder andere Farbton für herhalten, denn auch dem schwarz-weiß-Denken wird hier die Absage erteilt. Alles gut, alles böse? Nein, das Vokabular des Chansons weist eine Vielzahl unterschiedlichster Farbtöne auf. Allerdings auch eine umfangreiche Reihe an Grauzonen.

 

Gerade Edith Piaf brillierte in ihrer Paradedisziplin, hierbei noch die unterschiedlichsten Abstufungen aus der Frucht des Lebens herauszuquetschen. Volle Farbenpracht und zugleich eine Vielzahl an Grauflächen. Doch wenn die Geschichte der Liebe endet, lässt sie nur mehr eine Farbkonstellation zu: Dunkelheit.

 

Und in der Dunkelheit leidet vor allem ein Organ: das Herz. „Padam, Padam, Padam …“

 

Auch in „Padam“ wird deutlich, dass einige Elemente als Metapher herhalten. Ich hatte es ja schon erwähnt, wie gerne Edith Piaf „l‘air“ thematisierte. Und so nimmt Piaf auch in „Padam“ die Melodie ins Visier. „Padam“ ist die Melodie ihres Herzschlags. Und trotzdem möchte ich nochmal auch auf die zweite Übersetzungsvariante „Luft“ hinweisen. Denn Luft ist nicht nur die wesentliche Komponente des Musizierens, sondern auch die der Herzfunktion – in jeder Hinsicht.

 

Doch zurück zur „Melodie“. Die Akzentuierung und Hervorhebung der Melodie als Metapher erschien Edith Piaf auffallend wichtig. So taucht die Weise in ihren Songinhalten immer wieder auf und häufig personifiziert sie die Melodie auch, indem sie beispielsweise deren Ursprung einer Geburt unterzieht.

 

In „Padam“ wurde die Weise nicht am selbigen Tag geboren. Diese Melodie führt zur Besessenheit. Tag und Nacht! Adrenalinzwang, Partnerschaftssucht, Beziehungsabhängigkeit – die Tonfolge hält sie fest im Griff. Umklammert von Padam, Padam steht sie permanent unter Strom.

 

Katharines leidenschaftliches Temperament in der Darbietung, macht deutlich, dass es in der Natur der Sache verborgen liegt, wenn die Melodie ihres aufgewühlt pulsierenden Herzschlags die Interpretin eines Tages buchstäblich in den Wahnsinn treibt.

 

Denn so wird offensichtlich, wie nachhaltig sie sich ihrer vielen Lieben bewusst macht. Die zahlreichen Männer, die ihr Herz zu intensiv und zu heftig zum Rasen brachten. Die Melodie wurde von hunderttausend Musikern bedient. Hundert Mal hat sie bereits versucht, ihm den Grund zu erklären. Es muss wohl der unbarmherzige Herzschlag sein, der ihr dabei stets das Wort abgeschnitten hat. Er sprach jedes Mal vor ihr. Oder besser: klopfte ihr ins Wort. Dessen wild pochende Stimme hat offenbar das stärkere Volumen. Und irgendwie scheint eine gewisse Zweideutigkeit dabei auch auf die Luft zu verweisen, die dieses Volumen ausmacht. Doch es ist eindeutig die Melodie, die auf sie zeigt und über alles Bescheid weiß. So vernimmt sie die Ermahnung, sich all ihrer Lieben zu entsinnen. Und daher hat sie ihre ganz eigene Musiktheorie hinsichtlich ihrer massiv zuschlagenden Herzmelodie erstellt.

 

Wie Edith Piaf erzählt auch Katharine Mehrling ihre Geschichten ausnahmslos voller Inbrunst. „Padam“ präsentiert den nächsten genial gelungenen musikalischen Einfall, denn der Refrain dient dazu, die Herzfrequenz musikalisch klopfen zu lassen. Dazu die resolute Unnachgiebigkeit der Chanteuse. Das Zusammenspiel zwischen Selbstzweifel und entschlossener Haltung findet unanfechtbar auf einer musikalischen Wellenlänge statt.

 

Katharine bringt, wie in jedem Lied, stimmlich zum Ausdruck, wie die Erläuterung der Gemütsverfassung zu verstehen ist. Und dann vermag die Klangfarbe zu erklären, was die Vehemenz ausmacht. Die rhythmisch hämmernde Weise, in die die Töne einfließen, infiltriert das Merkmal des wohlweislichen Gewahrseins. Es ist das Kennzeichen des Wissenden, im Bilde zu sein. Jener schlagende Ton, der klingt wie von einem „Herz aus Holz“, definiert diese Bestimmtheit. Und die solide Qualität in Katharines Stimme erzeugt die entsprechende Glaubhaftigkeit.

 

Die Piaf’schen Chansons sind häufig von dieser charakteristischen Kombination geprägt. Doch während die Entschlossenheit in etlichen Erzählungen noch irgendwie verhandelbar scheint, so wird in „Padam“ schnell klar, dass Nachverhandlungen außer Frage stehen. Textlich wie auch musikalisch nähert sich die Künstlerin erst im Verlauf des Liedes an die Kernaussage an: die große Anzahl der gescheiterten Liebesbeziehungen.

 

Es ist interessant, wie viele Papierservietten im Gastronomiebereich herhalten mussten, damit großartige Komponisten ihre brillanten Werke kreieren konnten. So soll beispielsweise Franz Lehar so manch kreativer Idee nur deshalb zu Ruhm und Ehren verholfen haben, weil er sie im Budapester Kaffeehaus „New York“ rasch auf eine Papierserviette gekritzelt hat, bevor sie im Nirwana der Vergessenheit landen würde. 

 

Auch Georges Moustaki nutzte die Papierserviette als willkommene Notizmöglichkeit, als er mit Edith Piaf im Restaurant saß, wo sie ihm ihre thematischen Einfälle unterbreitete und Moustaki, inspiriert von ihren Ideen und zugleich pflichtbesessen, den Titel „Milord“ auf besagter Serviette notierte.

 

Das war die Geburtsstunde eines der allergrößten Hits. Inhaltlich rasch erläutert, handelt das Chanson, von einem britischen Milord. Dass er der Oberschicht angehört, bewahrt ihn nicht davor, von seiner Frau verlassen zu werden. Eigentliche Hautdarstellerin ist allerdings ein Hafenmädchen, das völlig überrascht von den Tränen des Milords, selbigen auffordert, zu lächeln, anstatt zu weinen. Und obwohl sie ausgiebig bemüht ist, ihm tröstliches Licht zu spenden, betrachtet sie sich selbst nur als Schattengewächs.

 

Das Chanson erzählt grundsätzlich auch musikalisch eine Geschichte. So darf es nicht verwundern, dass der Text die gesamte Palette der Ausdrucksmöglichkeiten des Bedauerns und der damit verbundenen Schwerfälligkeit wiedergibt, wohingegen die Musik die Leichtfüßigkeit der Rhythmen aus dem Walzer, im Encore den sogar noch flotteren Takt aus Foxtrott und Charleston gegenüberstellt. Während also textlich von Traurigkeit, Abschied, Tod, Schmerz und Einsamkeit die Rede ist, stimmt die Melodie in dynamisch beschwingte Kapriolen ein, in die Katharine den Zuhörer gekonnt eintauchen lässt. Und auch hier bildet eine Emotion den Basis-Ton: die Sehnsucht. Die Sehnsucht in Dur und Moll.

 

Auch in „Milord“, das Katharine in der deutschen Fassung von Ina Deter präsentiert, trifft sie (im wortwörtlichen ebenso wie im übertragenen Sinne) den richtigen Ton. Katharine gelingt es, genau die Launenhaftigkeit in den Song zu legen, die die Dramatik der Geschichte ausmacht.    

 

Paris, die Stadt der Leidenschaft. Paris die Stadt der Bohème. Paris, die Stadt der Edith Piaf. Und wie Cole Porter richtig erkannt hat: ganz Paris träumt von der Liebe. Na ja, eigentlich attestierte er hier seine persönliche Liebe zu Paris. Und das zu jeder Jahreszeit. Kein Moment, in dem er Paris nicht vergöttert. Denn dort ist es, wo seine Liebe verweilt. Aber, „ich liebe Paris“ wollte sich in der Übersetzung melodisch so gar nicht in den Refrain fügen. Daher avanciert in der deutschen Fassung die Stadt mal eben zur Heimat aller Liebenden. Macht nichts, denn eine Romantisierung der Hauptstadt Frankreichs zur Hauptstadt der Liebe ist es ja in jedem Fall.

 

Ganz spannend auch die Parallelen, die sich zwischen Cole Porter, den Gershwins und Jacques Offenbach auftun. All diese Komponisten haben musikalisch die französische Hauptstadt mehr oder minder zum Zentrum der Liebe erklärt. Sowohl Jacques Offenbach, George und Ira Gershwin als auch Cole Porter assoziieren mit Paris unmittelbar den Zusammenhang mit Liebe. Die Verknüpfung der Liebe mit Paris war endgültig in der Musikwelt angekommen UND durch besagte Komponisten auch etabliert.

 

Darüber hinaus findet sich noch eine weitere abenteuerliche Gemeinsamkeit. Während Cole Porter „I love Paris“ für sein Musical „Can-Can“ schrieb, konnte Jacques Offenbach nicht nur das „Pariser Leben“ musikalisch zur Geltung bringen, sondern ließ in „Orpheus in der Unterwelt“ auch noch die gesamte Götterschar des Olymps besagten Cancan tanzen.

 

„Ganz Paris träumt von der Liebe“ machte die in Paris geborene Caterina Valente zum Superstar ihres Musiklabels Polydor. Wie bei fast allen ihren Interpretationen kann man sich auch bei „Ganz Paris träumt von der Liebe“ des Eindrucks nicht erwehren, dass Caterina Valente ihrer Darbietung stets eine Bossa Nova-Duftnote verleiht. Diesen leicht lateinamerikanischen Touch hört man auch bei Katharine Mehrling. Dabei muss man betonen, dass jede der Beiden die Feinheit dieser musikalischen Berührung in ihrer persönlichen Weise präsentiert, aber beide Sängerinnen die hauchdünne Anlehnung an den Bossa Nova gleichermaßen mit Bravur beherrschen!

 

Es ist freilich charakteristisch, dass Katharine Mehrling nicht einfach nur eine einzelne Interpretationsvariante ausschöpft, sondern die gesamte Vielfalt ihrer künstlerischen Bandbreite zur Verfügung stellt. So beginnt sie den Cole Porter Song in der deutschen Fassung und mit besagtem Latin-Einschlag, während sie dann wiederum verdeutlicht, wie viel mehr Möglichkeiten der ursprüngliche Musical-Erfolgshit noch zu bieten hat. Sie wechselt zum Original-Text „I love Paris“ und mit der Sprache ändert sie auch die Rhythmik.

 

Einmal mehr offenbart uns Katharine Mehrling das Variationspotential musikalischer Verwandtschaften. Hier ist es das klassische Musical, in das sie die Wesensmerkmale des Jazz integriert. Allein mit diesem Liedbeitrag beweist Katharine die familiäre Zugehörigkeit unterschiedlichster Genres. Wie gesagt, hier werden Großfamilien gegründet. Und man muss sagen: die Familienmitglieder ergänzen sich ideal!

 

Neben der Entschlossenheit im Hinblick auf ihre eigene Karriere, ging Edith Piaf auch mit absolut couragierter Zielsicherheit an die Sache heran, wenn es darum ging, den französischen Nachwuchs zu fördern. Eine ganze Reihe namhafter Künstler profitierten von ihrer tatkräftigen Handschrift.

 

Einer der aufrichtig dankbaren Nutznießer war Charles Aznavour. Und so darf es nicht überraschen, dass Katharine Mehrling auch auf ihrer CD „Piaf au Bar“ das eine oder andere Chanson aus dessen Feder wiedergibt. Besonders, wenn es die Qualität von „Wie sie sagen“ hat. Denn hier beweist Katharine mit welch leidenschaftlicher Inbrunst man sein Engagement kundtun kann, ohne dabei laut zu werden.

 

Man kommt nicht umhin, festzustellen, dass Katharine Mehrling keine Gelegenheit auslässt, sich gegen Diskriminierung und gegen Intoleranz einzusetzen. Dass sie stets und permanent die volle Aufmerksamkeit auf jegliche Schutzbedürftigkeit lenkt, egal um welche Vulnerabilität es sich handelt – ob es um Hautfarbe, Sexualität oder sonstige individuelle Zugehörigkeit geht oder ob es generell Mensch, Tier und Natur betrifft. Sie stellt sich schützend vor den, der verletzbar ist und der irrational angegriffen wird. Denn es gibt für Katharine nur die Ideologie des gesunden Menschenverstandes und der daraus resultierenden Nächstenliebe. Sie hat ihn nicht nur, sie lebt den Respekt.

 

Daher ist es für Katharine eine Selbstverständlichkeit, auch die Geschichte des einsamen Travestiekünstlers in ihr Repertoire aufzunehmen. Verständlich zu machen, wie die Kunst der bewussten Zurschaustellung die Routine durchbricht und den Mensch Mensch sein lässt. Mit all seinen Komplexen, all seinen Stärken und Schwächen und allem, was seine Persönlichkeit ausmacht. 

 

Und während Katharine ihrem Stimmorgan sonst die volle Entfaltung gönnt, wählt sie hier bewusst die leisen Töne. Trotzdem kann man die Lautstärke der Verzweiflung regelrecht spüren. Im Stile des Liedermachers „brüllt“ sie die berechtigte Schwermut in der sanftesten Tonlage heraus.       

 

Nicht nur textlich, sondern vor allem musikalisch trifft man bei „Wie sie sagen“ wohl auf die gefühlvollste der sinnierenden Emotionen. Auch in dem Aznavour-Lied wird, wie in vielen Chansons, erstmal resümiert. Es ist wie ein Fazit zu ziehen und darüber zu reflektieren.

 

Doch in diesem Lied wechselt die Stimmung nicht. Wohingegen der dramatische Aspekt seinen Höhepunkt in den meisten der anderen Songs durch den Kontrast der häufig wechselnden Rhythmen erreicht, ist in „Wie sie sagen“ genau das Gegenteil der Fall. Hier ist es gerade die Ebenmäßigkeit der musikalischen Stimmung, der Verzicht auf alle Wechsel, der die am effektivsten anrührende Wirkung erzielt.

 

Wie ein vor sich hin plätschernder Aufruf, der sanftmütig, aber sehr bestimmt zur Einsicht mahnt: Vorsicht, noch zeige ich gleichmäßige Wellenbewegung, aber ich kann schnell zu einer reißenden Flut werden.

 

Natürlich steht der beständige Taktfluss auch für die Regelmäßigkeit des Alltags. Denn der Transvestit folgt einem fortwährenden Betätigungszyklus, der tagein, tagaus denselben Ablauf vorsieht. Seine Gesellen sind Kanarienvögel und Kater. Die Kombination ist das einzige, was in dem Chanson zum Schmunzeln bewegt, allerdings in seiner Konfliktbrisanz doch auch schon wieder zum Nachdenken anregt. Und den seelischen Schmerz verdeutlicht.   

 

Es wird klar, was den Schmerz ausmacht. Denn ein Gefühl überwiegt: die Einsamkeit. Einsamkeit ausgelöst durch Schubladendenken. Doch die Engstirnigkeit wird nicht mit körperlicher Gewalt bekämpft, sondern mit der Munition des scharfen Geistes.   

 

Eine Gemeinsamkeit bei der musikalischen Erzeugung der dramatischen Klimax, bleibt aber dann doch wieder. Genau wie in allen anderen Chansons hat auch hier die instrumentale Begleitung einen erheblichen Anteil an der Dramaturgie. Wenn Ferdinand von Seebach am Klavier die Begleitung aufgreift, nimmt die Insolvenz der Gefühle nochmal an Fahrt auf.

 

Bei „Wie sie sagen“ ebenso wie bei allen anderen Liedern, d.h. auf der kompletten CD erweist sich Ferdinand von Seebach als ausgesprochen kompetenter und höchst zuverlässiger Begleiter. Seine brillanten musikalischen Fähigkeiten ermöglichen es ihm, in idealer Übereinstimmung mit der Sängerin zu agieren, was in einem extrem harmonischen und wertvollen Zusammenspiel resultiert.

 

Katharine Mehrling verfügt zudem über genau jenes einzigartige Timbre, das diesem kunstvollen Einklang zwischen Stimme und Instrument noch ein zusätzliches Sahnehäubchen draufsetzt.

 

Wer annimmt, „auf dem Klavier klimpern“ hätte eine negative Bedeutung, kennt das Piaf’sche Chanson nicht. Auch in „Les blouses blanches“ beweist Ferdinand von Seebach wie „Klimpern“ zur hohen Kunst avancieren kann. Seine Arrangements verleihen „Les blouses blanches“ eine auffallend eigene und besonders avantgardistische Note.

 

Übernimmt im Original die Anlehnung an den Expressionismus die Vorherrschaft, so unterstreicht die vorliegende CD-Version noch intensiver die Verbindung zur völlig gegensätzlichen Melodielinie der Musette. Dieses Aneinanderfügen der Gegensätzlichkeit gar noch brachialer zur Geltung zu bringen, erreicht Katharine, indem sie den Walzer mit noch sanfteren Klangmantel umhüllt und dadurch den Ausdruck der Sehnsucht besonders innig preisgibt.

 

Im Original kommen die Fragmente der expressionistischen Passagen als eine Art Rhythmusrevolution rüber. Die metrische Ungebundenheit wird im Hintergrund gleichwohl vom demonstrativen Schlagen des Metronoms begleitet, was dem ganzen zweifelsohne eine besondere Würze verleiht. Es wirkt zumindest wie ein Metronom, wenn auch wie eines mit Eigenleben. Doch die akustischen Impulse jenes Pochens können alles bedeuten. Das pulsierende Trommeln mag bei diesem Metronom für den Sekundenzeiger oder auch für die Herzfrequenz stehen. Auf jeden Fall ist es ein hämmerndes Objekt, das dazu neigt, außer Kontrolle zu geraten. Denn die durchaus eigensinnigen Maßeinheiten folgen ungeniert anarchistisch einem nicht regulierbaren Tempo.

 

In der Mehrling-Fassung assoziiert man die periodisch klopfenden Begleittöne nicht so sehr mit dem Ausschlag des Metronoms. Hier zeigt Ferdinand von Seebach eher wie man das sogenannte „Klavierklimpern“ einer kunstvollen Stilisierung unterziehen kann, ohne dabei an Wirkung zu verlieren. Die vermeintliche Desorientierung kommt dabei ebenso tief empfunden zur Geltung wie im Piaf’schen Original.

 

Auch hier entspricht das „verwirrte“ Klimpern dem sprachlichen Wirrwarr. Das zeugt von einer gewissen Sprachlosigkeit. Obwohl die Worte durchaus Sinn machen, wird einem eines bewusst: man muss geradezu konsterniert sein, ob der Tatsache, dass es einfach nicht ausreichend viele Worte gibt und vor allem auch keine Begriffe, die ausdrucksstark genug wären, um die tiefe Intensität ihrer Besinnung zu beschreiben.

 

Vielleicht sogar noch ausgeprägter als im Original gelingt es Katharine Mehrling die expressionistisch atonalen Passagen mit konzentriert deutlicherer Dynamik dem ¾ Takt gegenüberzustellen. Katharine schafft unsichtbare Brücken für die musikalisch weiten Sprünge innerhalb der Melodie. So erreicht sie die Selbstverständlichkeit dessen, dass sich gegensätzliche Pole anziehen. Denn wie sich die fragmentarisch zerhackten mit den linienförmigen Melodieetappen verknüpfen, entspringt ursprünglich einer doch eher unverhofften Symbiose.

 

Es ist eine andere Herangehensweise gelebter Strukturabkehr und doch macht die „Piaf au Bar“-Version klar, dass auch hier die Rhythmusbefreiung in engem Zusammenhang mit der seelischen Befreiung steht. Die weißen Blusen als Symbolbild. Mehrfach ändert sich die Anzahl der Jahre, in denen sie interniert ist. Mit Verrückten. Irrsinn. Doch vielleicht ist es gar das Normale, von dem die Gefahr ausgeht. Die Wahrheit wird sich in jedem Fall durchsetzen. Wer genug geweint hat, beginnt zu schreien. Oder zu lachen. Angetrieben von der Hysterie des Schicksals. 

 

Es ist wahrscheinlich das Lied, bei dem Text und Musik am meisten konform gehen. Denn die Unruhe der Motive schlägt sich sowohl textlich wie auch musikalisch nieder. Beide transportieren in ihrem Konzept dieselbe Botschaft. Und so finden sich die dissonanten Harmonien, die Zerstückelung der Melodielinien und die freien Rhythmen ebenso im Text wieder, wie die Verwirrung der Worte von der Musik widergespiegelt wird. Nicht nur in der Stärke ihrer Ausdruckskraft, sondern auch in der expressionistischen Darstellungsweise gehen Musik und Text hier Hand in Hand.

 

Ja, und wenn man mal drin ist in der Abwärtsspirale, dann ist die Wahrnehmung von Wahn nicht mehr weit. Auch wenn es sich um so etwas Positives wie Sinneskraft handelt, im Zusammenhang mit Wahn ist nichts empfehlenswert. Und wenn die wahnhafte Emotion die Seele umarmt, kriegt man keine angenehme Liebkosung. Das ist dann mehr die Umklammerung durch eine gefährliche Schlingpflanze namens Seelenzerstörung.

 

Zum wiederholten Male wird man Zeuge von Katharine Mehrlings unglaublich vielfältiger stimmlicher Verwandlungsfähigkeit. So zeigt sie in „Les blouses blanches“, wie bedrohlich nah das Delir kommen kann, wenn die Seele, das heißt Körper und Geist gefangen sind und nach Befreiung lechzen.

 

Der hysterische Anflug erlaubt keine Landung und so geht die Interpretin übergangslos zu „La foule“ über. Denn auch hier kämpft sie, weint und schreit vor Wut und Schmerz. Es ist abermals der Strom der Menge, gegen den sie anschwimmen muss. Die Menge, die den Liebsten zu ihr, in ihre Arme spült und genauso abrupt wieder entreißt und wegträgt.

 

Der Fluss hatte sie mühelos aneinander getrieben, sie erfüllt und berauscht im Glück schwelgen lassen. Und genau jene Menge raubt ihr den Mann nun wieder. Ironie des Schicksals, dass sie den Liebsten selbst nie gefunden hätte, wenn die Menge nicht gewesen wäre. Doch gegen diese Menge ballt sie nun die Fäuste, verflucht sie. Denn es ist genau dieselbe Menge, die ihr den Geliebten wieder weggenommen hat.

 

Das Chanson „La foule“, das auf dem südamerikanischen Lied „Que nadie sepa mi sufrir“ („Lass niemanden mein Leid wissen“) von 1936 basiert und 1957 von Michel Rivgauche einen neuen französischen Text bekam, gehört ursprünglich dem Genre des peruanischen Walzers an. Doch „La foule“ verzichtet weitestgehend auf den lateinamerikanischen Einschlag und diktiert seine eigenen Walzertempi. 

 

In der spanischsprachigen Ursprungsfassung geht es einfach darum, dass sich der Protagonist nach der Trennung von seiner untreuen Geliebten für sein Leiden schämt und deshalb nicht möchte, dass jemand erfährt, welchen Schmerz er durchläuft. Wohingegen „La foule“ den Zufall und das Schicksal anprangert. Wie grausam der Zufall zuerst allerhöchstes Glück verspricht, um selbiges dann wieder zu entreißen. Die Menge als launenhafter Schöpfer einer Chance und die Menge als unberechenbarer Zerstörer eben dieser Möglichkeit.

 

Die melodische Grundstimmung voller Schwung und agilem Temperament vermittelt die befremdlich angenehme Wirkung einer ausgelassenen Jahrmarktsfröhlichkeit. Die Menge kam ja wohl auch zu einem festlichen Anlass zusammen, bei dem die Unüberschaubarkeit eine gewisse Schlüsselrolle einnimmt. Der Song transportiert musikalisch eine gediegen verspielte Haltung. Was freilich zunächst auch den Worten entspricht. Denn der Text berichtet erst einmal von der schicksalhaften Begegnung und vom unglaublich beseelenden Glücksrausch, der den Moment bestimmt.

 

Doch das Ganze kippt in eine schmerzvolle Klage. Auf der Anklagebank sitzt die Menge, die Schicksal gespielt hat. Und gerade Katharine Mehrling legt in den Ausdruck „foule“ („Menge“) noch einmal eine besonders nachdrückliche und somit nachdenkliche Emphase.

 

„La foule“ ist vielleicht das Lied, das mit dem wenigsten Pathos auskommt. Fast schon nüchtern analysiert die Wahl des Vokabulars. Es ist keineswegs so, dass hier kein bildhauerischer Prozess stattfindet. Im Gegenteil, auch hier findet man zahlreiche leidenschaftliche Metapher. Auch hier hochemotional. Dennoch nicht mit so elegisch seufzendem Gefühl behaftet. Mehr wie eine wohlformulierte Anklageschrift und daher fast schon mit einer Portion Besonnenheit. Im textlichen und musikalischen Anschein. Zumindest was den Ausdruck der kämpferischen Haltung beschreibt. Fast strukturiert wird in den Kategorien „Begegnung, Glück, Trennung“ bemessen. Ungewöhnlich in jedem Fall! Und ein sehr gelungener Ausreißer aus dem sonst doch eher dichtbesiedelten Pathos der Chanson-Tradition.

 

Natürlich treffen wir auch hier auf die Kombination zwischen freudiger Hochstimmung und dem tiefen Fall. Zudem steht die Tür zum leicht Mysteriösen, wie in beinah jedem Chanson, dezent offen. Katharine Mehrling macht klar, wann die Protagonistin so tief gefallen ist und dass die Geschichte damit zu Ende erzählt ist. Und da es kein Aufstehen gibt, erläutern die Instrumente den Schluss.

 

Auch das instrumentale Nachspiel versorgt die Ausgelassenheit mit überreizter Unruhe. Auf der gesamten CD gelingt es den Musikern in herausragender Weise und auf durchgehend höchstem Niveau zu agieren. So integrieren sie in „La foule“ mit der äußersten Präzision wilder Rhythmen die Atmosphäre einer hysterischen Hektik. Damit wird deutlich, dass man sich vom Seelenfrieden wohl auch schon verabschiedet hat.

 

Im Vergleich dazu bewegt sich die nächste balladenhafte Erzählung „Lovers for a day“ in sehr gemäßigtem Tempo. Edith Piaf hat nicht allzu viele Chansons in mehreren Sprachen dargeboten. Überhaupt bediente sie sich in ihren Liedern eher selten dem Englischen. Zurecht bewegte sie sich ungern weg vom französischen Sprachhoheitsgebiet. Edith Piaf war nun mal mit ganzem Herzen Französin. Expliziter noch, ihre Seele gehörte Paris – mit allen positiven und negativen Komponenten, die diese Stadt bietet. „Les amants d’un jour“ gehört hingegen zu den Liedern, die Edith Piaf tatsächlich auch in Englisch performte: „Lovers for a day“.

 

Auch Katharine Mehrling wählte für Ihre CD „Piaf au Bar“ die englischsprachige Version. Sie verkörpert die Bedienung in einem billigen Café, das offenbar auch Zimmer vermietet. Sie hat immer noch vor ihrem geistigen Auge, wie das liebende Paar hereinkommt, um ein Zimmer zu nehmen. Sie sind so jung, so unglaublich jung. Und so unerfahren. Es ist das Schild „Zimmer zu vermieten“, das der Bedienung im Auge brennt. Denn am nächsten Tag findet man das Paar, so wie sie es wohl von vorneherein geplant haben. Kalt, weiß, immer noch Hand in Hand. Sie waren Liebende für einen Tag.

 

Alles, was sie besessen haben, war der Sonnenschein ihrer Liebe. Und die Serviererin leidet. Sie leidet unter dem Schmerz ihrer Erinnerung. Sie entsinnt sich des erwartungsfrohen Leuchtens in seinen Augen, kurz bevor sie die Zimmertür schloss. Sein Vorhaben stand fest. Und die Freude darüber erfüllte die Liebenden mit Glücksseligkeit.

 

Die Kellnerin kann die Szenen nicht aus ihrem Gedächtnis löschen. Wenn sie zu vergessen trachtet, so dienen ihr die Wände als mahnende Bewahrer ihres schmerzlichen Rückblicks. Und das Schild „Zimmer zu vermieten“. Dabei ist sie nur zum Arbeiten hier. Sie fühlt sich nicht einmal wertig genug, ihren Schmerz zu empfinden. Wen sollte der interessieren? Und sie hat auch genug zu tun, als dass für derartige Gefühle Raum gestattet wäre.

 

Katharine Mehrling bezeichnet sich gerne als „Storyteller“ und genau diese Stärke spielt sie auf ihrer CD aus. Die moderate Art, wie sie jene Geschichte erzählt, wird in brillanter Weise den maßvollen Balladenklängen gerecht. So präsentiert sie eine Walzer-Variante die trotz effektvollem ¾ Takt, bescheidene Zurückhaltung übt.

 

Wie sagt Bizets „Carmen“ so trefflich: „Hoffen ist immer schön!“ Tja, „Hoffnung“ ist vielleicht das wichtigste Gefühl im Leben. Und eines ist klar: in „Lovers for a day“ ist exakt dieses Vertrauen in das Leben komplett abhandengekommen.  

 

Katharine macht die Resignation spürbar. Vom Elegischen inspiriert, lässt sie in höchstem Maße Gedankentiefe und Bewusstsein entstehen. Ist man zu Anfang noch guter Dinge, dass das ankommende Paar die Rückkehr zur Liebe markiert, wird man schnell mit der Realität des Schmerzes konfrontiert. Und man erfährt, dass die große Liebe nicht zwangsläufig etwas bedingungslos Positives sein muss. Es ist Gleichgültigkeit, wirkt fast wie Spott, was das Schild „Zimmer zu vermieten“ dokumentiert. Und immer wieder ist es das Gefühl der Resignation. Katharine verdeutlicht in ihrem musikalischen Ausdruck, wie sich die Protagonistin fügt, in die Minderwertigkeit, die sie ihrer eigenen Person zuordnet. Ihr ganzes Sein lässt nicht einmal die Begegnung mit der Vergangenheit zu, so sehr muss sie in der Gegenwart funktionieren.

 

Und auch hier übernehmen es die Instrumente, mit gehöriger Tempi-Steigerung den Schluss zu erzählen.

 

Auch von „Non, je ne regrette rien“ sang Edith Piaf eine englischsprachige Version („No regrets“), aber natürlich ist es die französische Fassung, die wir alle im Ohr haben und für die sich selbstverständlich auch Katharine Mehrling entschied. 

 

Edith Piaf lebte ihre Überzeugung. Es gab nichts zu bereuen. Nun, eventuell bereute sie es für den Moment, dass sie den Komponisten Charles Dumont eine Stunde hatte warten lassen, als er in ihr Haus gekommen war, um seine Komposition „Non, je ne regrette rien“ vorzustellen. Zumindest schilderte der Autor und Journalist Jean Noli in seinem Piaf-Buch, dass es da im Vorfeld zu ein paar launischen Unhöflichkeiten gekommen sein soll. Gesichert ist in jedem Fall, dass die anschließende Begeisterung groß war. Nachdem Edith Piaf den Song gehört hatte, verfiel sie in regelrechten Gefühlsüberschwang. Nein, auch das sollte sie nicht bereuen. Ihr gesteigertes Entzücken war gerechtfertigt, denn ihre Erfolgsprognose traf exakt ein.

 

Und irgendwie meint man, bei „Non, je ne regrette rien“ eine treffliche Zusammenfassung oder besser gesagt, die pointierte Krone auf das Leben der Edith Piaf serviert zu bekommen. Der Text berichtet von den schlechten und guten Erlebnissen, an die sich die Protagonistin erinnert. Doch sie steht sowohl den positiven wie auch den negativen Gedanken an die Vergangenheit mit einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber. Denn sie hat nichts zu bereuen. Mit makellosem Bewusstsein blickt sie auf die Liebschaften, auf die Freuden wie auf die Sorgen. Immer wieder bekräftigt sie aufs Neue, dass sie nichts davon bereut. 

 

Während andere Chansons eher mit vermeintlichem Optimismus starten, nur um den Zuhörer im Verlaufe des Liedes doch wieder auf den pessimistischen Boden der Realität zurück zu holen, bedient sich „Non, je ne regrette rien“ dem Umkehrprinzip. Der Song beginnt vielmehr mit einer ernüchternden Rückschau auf die Vergangenheit, die jedoch reinen Gewissens abgeschlossen werden kann. Die Erinnerungen, egal welcher Natur, können verbrannt werden, um Fläche zu schaffen, für einen freudevollen Neubeginn. Jetzt fängt ihr Leben erst an – an der Seite des neuen Geliebten. Die dunkel anmutende Einleitung entwickelt den lichthellen Blick auf den Freude bereitenden Horizont. Und so steigert sich auch die Musik von der krampfhaft starrsinnigen Trotzhaltung zum siegreich jubelnden Schlussakkord.

 

Die Freude über den anstehenden Neubeginn, die das Ende der Originalversion markiert, zieht sich bei Katharine Mehrling durch das gesamte Chanson. Während Piaf zu Beginn stagnierte Beharrlichkeit offenbart und nur am Schluss ihrem triumphalen Frohsinn Ausdruck verleiht, verzichtet Katharine vollständig auf den trotzigen Unterton und lässt der freudigen Erregung durchgehend freien Lauf. 

 

Im Gegensatz zur musikalisch erstarrten Ebenmäßigkeit, die im Takt fast dem Gleichschritt einer Marschparade angepasst scheint, setzt Katharine auf die wirkungsvolle Linienbewegung. Besonders schön sind die sanften Klangschleifen, die Katharine Mehrling gefühlvoll einbringt, voller Ausdruck und mit unvergleichlichem Empathievermögen. Und sie setzt noch einen weiteren Kontrapunkt oben drauf. Während Katharines Gesangsdarbietung, so wie sie die Töne öffnet, fortwährende Vorfreude impliziert, ist es die instrumentale Begleitung, die an das zuvor notwendige über Bord werfen der Vergangenheit erinnert.   

 

Denn selbst der Verweis an Vergangenes kommt bei Katharine differenziert rüber. Die feinen Nuancen, die sie musikalisch bietet, inkludieren gleichsam den Rückblick wie auch den Blick in die Ferne. Dabei geht es für sie gar nicht um Abstand, eigentlich geht es ihr um Nähe! Die innere Nähe. Katharines innere Nähe zu Edith Piaf.

 

Auch wenn man bei flüchtiger Text-Inaugenscheinnahme annimmt, dass die Protagonistin zu Beginn in der Vergangenheit verweilt, gewinnt man bei näherem Hinhören der Mehrling Interpretation eher den Eindruck, dass sie sich tatsächlich in ausgedehnter Vorausschau befindet, während sich die melancholisch anmutenden Klangfarben außer Stande sehen, die Weite der Gedanken zu umfassen. Katharines sehnsüchtig tönende Stimmlage verrät, dass sie zwar von Vergangenheit singt, aber ihr Herz verlangt nach der Gegenwart.

 

Und zum Schluss weiß man, Katharine ist angekommen. Angekommen, nicht nur beim letzten Akkord, sondern bei sich selbst, in ihrer inneren Mitte. Dort ist sie gelandet. Die gediegen offene Interpretation vermittelt das maßvolle Aufsetzen auf der Erde, die das Zentrum des seelischen Gleichgewichts darstellt. Bodenständig und fest gleitet die Stimme durch die Tonfolge, die die kraftvolle und zugleich behutsame Landung untermauert. Katharine Mehrling ist im Hafen eingetroffen, im musikalischen Hafen des Piaf’schen Universums.

 

Dennoch wird auf der ganzen CD mehr als deutlich, dass Katharine Mehrling diese Musik, dieses Genre in ihr ureigenes Ding gewandelt hat. Katharine hat das, was Edith Piafs Sangeskunst ausmacht, inhaliert. Doch ausgeatmet hat sie ihren eigenen Stil. Katharines Interpretationen zeugen von ihren ganz persönlichen Charakteristika. Ferdinand von Seebach ist es dabei aber auch gelungen, ihr die Arrangements maßgerecht auf den Leib zu schneidern.

 

Katharine Mehrling singt nicht einfach Edith Piaf Songs, sondern sie zollt Edith Piaf Tribut.

 

Dieser Unterschied wird sogar noch um ein Vielfaches anschaulicher, wenn sich Katharine in ihrer ganz eigenen Interpretation der bekanntesten Piaf-Chansons in ihre persönliche Stratosphäre absetzt. Je berühmter das Lied, desto bezeichnender Katharines Darbietung. Sie erzeugt dabei eine schier intime Atmosphäre, gewährt Einblick ins Innerste der Seele.    

 

Gerade in „Non, je ne regrette rien“ hebt sich Katharine in der Interpretation besonders intensiv ab. Erweckt das instrumentale Intro in der Ursprungsfassung den Eindruck einer beinah renitenten Bockigkeit, so erlebt man in Katharine Mehrlings Version eine völlig andere Herangehensweise. Anstelle trotzigen Instrumentalhämmerns erklingen zu Beginn mit äußerster Zurückhaltung leise Piano-Begleittöne. Piano im doppelten Sinne, denn aus dem Piano erklingen die Töne ganz piano. Zeitweise wirkt das Intro fast wie A-Cappella Gesang, wenn Katharine in gefälligster Weise der Melodie ihren Respekt erweist.

 

Im Gegensatz zum Original, in dem das Intro nur so von aufsässigem Eigensinn strotzt, verleiht Katharine jener Einleitung eine musikalische Eleganz, die ausgesprochen stilvoll ist und gleichermaßen Anlehnung an die Akzeptanz der Verderbtheit findet. Diese warme, absolut herzliche Annäherung an so ein rebellisches Trotzlied ist nicht nur total überraschend, sondern bewirkt auch noch ein vollkommen unerwartetes Gefühl des Wohlbehagens. Und dann wird klar: Katharine fühlt sich geborgen. Geborgen und zuhause in der Musik ihres großen Idols Edith Piaf. Es ist die ultimative Form der Huldigung, wie Katharine Mehrling dieses Chanson präsentiert. Jeder Ton, jede Silbe, selbst jedes Innehalten – eine Hommage an Edith Piaf.    

 

Noch weniger Interpretationsähnlichkeit weist gar „La vie en rose“ auf. Hier erkennt man das Original kaum mehr wieder. Wie gesagt, je etablierter der Song, desto unangepasster ist Katharines Darstellung. Sie lässt sich halt in keine Schablone pressen.

 

Klar, Liebe und der schon mal gern übertrieben servierte Blick durch die rosarote Brille bilden zwangsläufig eine harmonische Kombination, wenn sie ihre zu erwartende Fusion eingehen. Die beiden Welten sind halt einfach nicht zu trennen. Stets im Stand-by Modus steht die rosarote Brille in Bereitschaft. Der Liebende muss nicht lange suchen und setzt sie willig auf.

 

„La vie en rose“ kommt weitestgehend ohne Drama aus. Darin unterscheidet es sich ganz deutlich von den anderen Piaf-Chansons. Denn die Lieder scheinen ja schon irgendwie auch die Tragödien ihres Lebens widerzuspiegeln. Doch die tragische Klimax, die insbesondere durch anziehende Tempi bis hin zum musikalischen Vulkanausbruch erreicht wird, fehlt in „La vie en rose“ gänzlich. Kein drastischer Höhepunkt, nur konstante Glückseligkeit.

 

Anstelle der dramatischen Steigerung bedient sich „La vie en rose“ dafür allen Klischees der Glorifizierung glücksstrahlender Liebe. Es beschreibt die Gefühle der unsäglich verliebten Protagonistin, die freudetrunken von Zweisamkeit berichtet. Ihr Geliebter kann eigentlich gar nichts falsch machen, denn alles an ihm, alles was er sagt oder tut, ist perfekt. Erregtes Herzklopfen symbolisiert das besiegelte Glück. Seine Umarmung macht sie in höchstem Maße selig. Wenn man den Liebsten als einzige Pracht ansieht, dann gibt es nur ein Resümee: die pure Vergötterung. Die Nähe zu ihm hebt sie in den siebten Himmel empor. Und der ist nicht blau, sondern rosa.   

 

Edith Piaf, die bis dato zwar reichlich inhaltliche Ideen eingebracht, aber dennoch nur Fremdkompositionen gesungen hatte, bekam 1945 das Bedürfnis, auch mal selbst ein Lied zu texten. Mit „La vie en rose“ (die Textregistrierung erfolgte unter ihrem bürgerlichen Namen, Édith Giovanna Gassion), gelang ihr gleich mal ein Treffer ins Bullseye.

 

In musikalischem Einvernehmen packt Edith Piaf die Lebensbetrachtung in Rosa in eine durchgehend ebenmäßige Walzermelodie. Durch den gleichbleibenden ¾ Takt und vor allem durch das gleichmäßige Tempo wird deutlich, dass sich die Verherrlichung wie ein fließender Bogen über die Liebenden spannt.

 

Ganz anders bei Katharine Mehrling. Mit mehreren Tempo- sowie Rhythmuswechseln verschiedenster Art versprüht sie Freude pur. In einer ersten Textfassung verwendete Edith Piaf für den Titel noch den Begriff „les choses“ (die Dinge). Nach Absprache mit ihrer Freundin Marianne Michel und mit einem Seitenblick auf das Kabarett »La vie en rose«, in dem Edith Piaf vorher bereits aufgetreten war, wurde der Titel geändert. Und die atmosphärische Stimmung eines Kabaretts macht irgendwie auch das Bild aus, das einem in den Sinn kommt, wenn man Katharine Mehrlings Version von „La vie en rose“ hört.  

 

Es ist eine Form freudiger Ausgelassenheit, die hier in die Musik einfließt. Wieder und wieder muss man die genialen Arrangements des musikalischen Leiters Ferdinand von Seebach hervorheben. Aber auch das Glück, ausnahmslos über Musiker zu verfügen, die ihre künstlerische  Mentalitätszugehörigkeit in eine vertrauensgeballte Verständigung einfließen lassen. Aus diesem Bewusstsein heraus entsteht die ausgewogene Harmonie, die es allen Musikern erlaubt, im äußersten Maße stimmig auf die rhythmische Präzision zu achten.  

 

Auf dieser Grundlage basiert Katharines Chance, ihre musikalische Vielfalt und somit die unglaublich vielen Facetten ihres Verwandlungsspektrums aufzeigen zu können. Und so offenbart sie eine mannigfaltige Fülle an künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten, die keinerlei Wünsche offen lässt.

 

Ihre Darbietung von „La vie en rose“ ist ein Klangfestival an Rhythmus und Stilrichtungen. Den Crossover vom Chanson zu anderen Genres präsentiert sie in spielerischer Leichtigkeit, was dem Ganzen noch mehr ausgelassene Vergnügtheit verleiht. In die ehemals gleichmäßig gleitenden Walzerklänge integriert sie ein ganzes Arsenal an Rhythmus-Varianten. Ausgiebig Swing, hier und da ein wenig Soul und vor allem üppig vorhandene Jazz Elemente treiben den schwunggeladenen Groove voran.    

 

Die klischeebehaftete Verherrlichung innerhalb der Textintention versteckt sich im Freudentaumel der gelebten Emotion. Es ist die Tradition des Jazz, die nur ein Lebensgefühl akzeptiert: optimistische Freude. Ich habe es bereits vorab schon einmal erwähnt: zwischen Freude und Glück besteht ein essentieller Unterschied. Und so ist es in der Piaf’schen Fassung wohl eher das Glück, das besungen wird, während Katharine die pure Freude zum Ausdruck bringt. Der pathetische Aspekt des idealisierten Verklärens versinkt dabei wohlweislich im Kick der Euphorie.    

   

Und welches Jazz-Chanson eignet sich besser, um bei den solistischen Interaktionen die Musiker, Jo Gehlmann an der Gitarre, HD Lorenz am Kontrabass, Stephan Genze am Schlagzeug, den hessischen „Landsmann“ Vassily Dück am Akkordeon und Ferdinand von Seebach, der als musikalischer Leiter, am Klavier, auf der Posaune sowie auf der Tuba gleichermaßen überzeugt, noch einmal explizit vorzustellen?!     

 

Tja, und man kann eine Hommage an Edith Piaf auch nicht trefflicher abschließen als mit der Hymne an die Liebe.  

 

Bei „Hymne à l’amour“, komponiert von der „Irma la Douce“ Schöpferin Marguerite Monnot, war es abermals Edith Piaf selbst, die den Text beisteuerte. Gewidmet ihrer großen Liebe, dem französischen Boxweltmeister, Marcel Cerdan, der 1949 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, besingt Piaf die hundertprozentige Kompromisslosigkeit in Sachen Liebe und Hingabe.

 

Wie es einer Hymne gebührt, wird hier in größeren Ausmaßen gedacht. Zumindest was die Vergleiche innerhalb der Gefühlswelt angeht. Da werden sehr erdumspannende Metaphern aufgegriffen. Der blaue Himmel kann zusammenbrechen und die Erde auseinanderfallen. Das hat alles keine Bedeutung im Vergleich zu der Liebe, die ihren Morgen überflutet. Damit nicht genug mit der universalen Schonungslosigkeit. Denn die Protagonistin ist auch bereit, bis ans Ende der Welt zu gehen oder für ihren Liebsten den Mond vom Himmelszelt herunterzureißen.

 

Der Text überzeugt mit seiner ganzen Kraft und zeigt das unbedingte Dafürhalten, dass Liebe nicht den geringsten Zweifel an Ergebenheit zulässt. Zumindest solange die Zweisamkeit der Lohn dafür ist. Alles andere verliert an Bedeutung. Die eigenen Probleme werden vollkommen irrelevant und auch die Bereitschaft, alles für den anderen zu tun, ist unermesslich. Da ist durchaus umfassendes Vorstellungsvermögen gefragt. Was auch immer der Partner erwartet, nichts ist unmoralisch genug, um nicht befolgt zu werden.   

 

Sich blond zu färben oder sich lächerlich zu machen, ist dabei die harmloseste Variante. Vermögen stehlen, die heißgeliebte Heimat verleugnen, Freunde ablehnen – ohne zu Zögern würde sie sich von sämtlichen ethischen Werten verabschieden, wenn der Liebste daran Gefallen fände. Auch die gesamtheitliche Selbstaufgabe scheut sie nicht.

 

Sie würde alles tun. Solange nur ihr Körper unter seinen Händen zittert. In ihrer Kompromisslosigkeit schreitet sie beinah zum Inbegriff selbstloser Fügung. Es erweckt fast ein wenig den Anschein, als wenn die Personifizierung von Altruismus hier ihren Lauf nimmt. Und der Hymnencharakter hat dabei ein bisschen was von erweiterter Götzenverehrung. 

 

Denn die resolute Entschlossenheit lässt keine Abwägung zu. Außer eventuell ein wenig gegenüberstellende Reflektion, ob sie den Partner nun lieber absolut verehren oder aber eher uneingeschränkt anhimmeln soll. Es wirkt wie Hörigkeit, wäre da nicht die eine Prämisse. Denn Voraussetzung für die grenzenlose Hingabe ist die unmittelbare körperliche Nähe des Geliebten. Da erscheint es zumindest beruhigend, dass die Liebe augenscheinlich auf Gegenseitigkeit beruht.

 

Doch wo Liebe ist, ist Angst nicht weit. Und obgleich keines der Chansons wirkliche Ängstlichkeit offenbart, ist die Verzweiflung ob des möglichen Liebesverlusts immer groß.

 

Es ist die Unsicherheit, dass der Partner irgendwann nicht mehr an der eigenen Seite ist. Was bleibt ist die Einsamkeit. Wie sehr muss die Seele leiden, wenn der Partner als einziger Grund für die eigene Existenz fungiert. Wieder diese absolute Kompromisslosigkeit, denn sie lebt und stirbt für ihn. Wenn das Leben ihr eines Tages den Liebsten entreißt, will auch sie sterben. Sie findet ihre Religion darin, den Partner anzubeten. Denn in seiner Berührung, in seiner Liebe und Leidenschaft findet sie alles, was Leben in der Ewigkeit ausmacht.

 

Doch bei aller Partneranbetung erinnert sie sich auch an eine Art Pakt, den Liebende mit Gott geschlossen haben. Das Versprechen, das Liebe und Ewigkeit miteinander verknüpft, gleichgültig was das Leben auf Erden bringt.

 

Daher die quälende Frage, ob es auch wirklich Liebe ist. Das ist der Moment der Unsicherheit, in dem sich heimliche Wehmut andeutet. Denn Gott vereint nur diejenigen, die lieben. Am Himmel, dort wo es keine Probleme mehr gibt, im Blau aller Unermesslichkeit, dort haben die Liebenden die Ewigkeit für sich gebucht. 

 

Auch textlich ein gelungener Abschluss einer phänomenalen CD, denn „Hymne à l’amour“ charakterisiert das lyrische Wesen des Chansons tatsächlich durch und durch, bringt die Couleur auf den Punkt.

 

Man glaubt sofort, dass „Hymne à l’amour“ die Geschichte der Liebe schlechthin ist, wie es sie kein zweites Mal gibt. Auch wenn man das im Grunde genommen bei jedem der 16 Chansons denkt. Dennoch jede Erzählung ist aufs Neue einzigartig.

 

Einzigartig ist auch die Interpretationsweise der Katharine Mehrling. Während Edith Piaf in „Hymne à l’amour“ wahrlich »nur« die Geschichte der Liebe zu einem Mann erzählt, erweitert Katharines Darbietung die Hymne an die Liebe, zur innigen Verbundenheit mit Mann und Musik.

 

Beide setzen ein Zeichen für die Liebe. Doch ist es Katharine, deren Liebe zur Musik und zu den Chansons der Edith Piaf in „Hymne à l’amour“ nochmal alles überstrahlt. Ihr Gesang transportiert dabei einen zusätzlichen Baustein unterschwelliger Melancholie. Man meint beinah Heimweh aus ihrer Stimmfarbe heraus zu hören – Heimweh oder Fernweh. Nach Paris und in die Zeit, in der Edith Piaf eine neue Ära einleitete.

 

Mit „Hymne à l’amour“ bekam Paris, die Stadt der Liebe, denn auch seine ganz persönliche Hymne. Und wo die Worte das Überdimensionale nicht erreichen, hilft die Musik aus. Denn auch musikalisch weist das Chanson alle Qualitäten einer ausgezeichneten Hymne auf. Bis hin zum Grande Finale steigert sich der betont ehrwürdige Ausdruck innerhalb der huldvollen Melodie.  

 

Trotzdem setzt Katharine Mehrling hier nicht allein auf den Charakter des umfassend Feierlichen. Im Gegenteil, anstelle erhabener Hymnenmanier, die üblicherweise in einer Massenveranstaltungsatmosphäre mündet, erzeugt Katharine ein gewisses Kammerspielambiente. Plötzlich wird es vollkommen intim. Sie gewährt dem Zuhörer Zugang, lässt ihn akustisch ganz nah an sich heran. So kann man hineinhören, ins Innerste ihrer persönlichen Empfindungswelt. Teilhaben am inneren Kern der MehrSeelenMusik.

 

Es sind wieder die leisen Töne, die lauter wirken als man auf der Dezibel Skala ermessen könnte. Besonders schön auch: der Sound der Akustikgitarre. Während im Original das große Orchester auf Wirkung zielt, ist es hier die Gitarrenbegleitung des großartigen Jo Gehlmann, die dem vertrauten Milieu sein besonderes Flair verleiht. Ich muss es nochmal betonen, da das Akustikinstrument in der modernen Musikindustrie zu selten zum Einsatz kommt: es ist das Klangerlebnis, das von der Akustikgitarre ausgeht, welches dem harmonischen Zusammenspiel erst die heimelig familiäre Krone aufsetzt.

 

Die Akustikgitarre im Einklang mit Katharines Stimme – Punktlandung auf dem musikalischen Olymp. Diese Atmosphäre der Behaglichkeit bekräftigt, dass der Hymnencharakter auch anders ausgelebt werden kann und dabei noch an Eleganz gewinnt.

 

Allein mit ihren stimmlichen Ausdrucksvariationen vermittelt Katharine Mehrling in „Hymne à l’amour“ die Bedächtigkeit, die allen Anforderungen des Preisliedes gerecht wird. So unterstreicht die Ausnahmeinterpretin, dass sie auch den Balladenstil im Blut hat. Weiß man, dass sie das schmetternde Belting beherrscht, so kann man zum wiederholten Male feststellen, wie sehr ihr ebenso die sanften Klänge liegen.

 

Die Steigerung hin zur großen Finaletappe erreicht die Mehrling-Fassung durch die Erweiterung zu einem Trio. Von dem musikalisch geforderten Erheben zeugt die Ankunft eines weiteren Verbündeten. Die Posaune oder besser gesagt, Ferdinand von Seebach, schließt sich dem Duo im letzten Drittel an und untermauert so die betonte Feierlichkeit des Hymnennaturells.  

 

Dass Katharine Mehrling für ihre Hymne an die Liebe der Ästhetik des Schlichten den Vorzug gegeben hat, beweist ihre aufgeschlossene Individualität und die Botschaft ihres entdeckungsfreudigen Verständnisses dieser Huldigung. Denn während das Original eigentlich und ausschließlich den Lobgesang an den geliebten Mann thematisiert, spannt Katharine einen weiten Bogen zwischen der Liebe zu Mann, Musik, Kunst und Kultur. Und wenn man genau hinhört, so gilt auch diese Hymne, diese Lobpreisung faktisch der Frau, die als Edith Piaf dem Chanson française zum Weltstatus verhalf.

 

Spätestens nach dem Genuss der 16 Songs weiß man, dass Katharine Mehrling zu den aufregendsten Jazz-Stimmen unserer Zeit gehört. Und wie sie sich nun dem französischen Chanson gewidmet hat, ist ganz großes Kino. Die Solistin versteht es, jedes Lied mit derart vielseitiger Ausdruckskraft zu bereichern, dass es einem die Sprache verschlägt. Immer für eine Überraschung gut, zeichnet sie sich durch das stimmliche Integrieren von Spannung und Charme aus. Katharine Mehrling hat eine solch einzigartige Stimme, einen so einzigartigen Stil, so einzigartige Klangfarben und eine derartige Leichtigkeit in den einzigartigen Phrasierungen, dass das Zuhören nur einen Begriff erlaubt: Hochgenuss!

 

Der Ohrenschmaus wird mit der musikalischen Bandbreite gewürzt. Dazu zählt eine Reihe an wechselnden Komponenten, die sich auch gerne mal in faszinierendem Kontrast zueinander verhalten dürfen. Beispielweise stehen sich Text und Melodie häufig in einem aufregenden Wettbewerb unterschiedlicher Stimmungen gegenüber. Während der Text den Ausdruck des Düsteren vermittelt – düster anmutende Liebesaffären in einer düsteren Bar, wo allgemein düstere Gemütslage vorherrscht, an einem düsteren Tag und all das in durchweg düsterer Atmosphäre, vermittelt die Musik eher den stimmungsvollen Schwung des Musette Walzers, des Foxtrotts, sogar des Quicksteps und des Charlestons. Selbst Dur- und Mollpassagen geben sich in schöner Regelmäßigkeit und ebensolcher Eintracht die Klinke in die Hand. Aber nicht etwa, wie man annehmen möchte, zwischen den einzelnen Liedern. Nein, die überraschenden Wechsel finden innerhalb des jeweiligen Chansons statt.

  

Doch wohingegen Edith Piaf die Tragik der Worte hauptsächlich in die Klangfarbe ihrer Stimme legt, orientiert Katharine Mehrling ihren vokalen Ausdruck vorwiegend an der Musik. Bei Katharine ist es die Launenhaftigkeit, das Beschwingte und sogar das Beflügelte, das die Dramatik ausmacht. Die schwungvolle Dynamik, die sie ebenso aus den Triolen der Musette wie aus der Variabilität der Jazz Rhythmik zieht, lässt die zahlreichen kontrastierenden Harmoniewechsel fließend ineinander übergleiten.

 

Es sind die Wechsel, die die Dramatik bedingen. Wie die Harmonien kontrastieren, macht deutlich, dass hier insbesondere ein emotionaler Grundton vorherrscht: Sehnsucht. Gediegene Sehnsucht! Und dass Katharine dies mit so viel Einfühlungsvermögen rüberzubringen vermag, liegt daran, dass sie über ebenso großen IQ wie EQ verfügt. Wer sich näher mit Katharine auseinandersetzt, stellt vor allem eines fest: ihre übermäßige Fähigkeit zur Empathie entspringt eindeutig ihrer Seele. Wie gesagt, deswegen kreiert sie ja auch – na, sagen wir’s mal auf »Chinesisch« ;-) MEHRLINGMUSIK.

 

Mit jener unverwechselbaren Stimme sowie diesem einzigartigen Timbre erzeugt die Sängerin exakt die Ausdruckskraft, die das vorgetragene Seelenleben reflektiert. Sie möchten wissen, welche der Sängerinnen an dieser Stelle gemeint ist? BEIDE, Edith Piaf und Katharine Mehrling – jede auf ihre Weise!

 

Ohne auf die Vielfalt an Farben eingehen zu müssen, hat man beim Zuhören praktisch das Gefühl, eine organische Farbpalette vor das geistige Auge projiziert zu bekommen. Die dargebotene Protagonistin, die oft genug an ihrer Minderwertigkeit verzweifelt, nur selten über die Eigenschaften einer begründet eigenwilligen Diva zu verfügen scheint, aber stets ein merkwürdiges Unbehagen verspüren lässt, gestattet es immer wieder, auf ernüchternde Einsichten zu schließen.

 

Manchmal sind es gemächliche Beobachtungen, gelegentlich die Aufforderung zu lieben, meistens aber steigert sich die Atmosphäre in den hysterischen Ausdruck beklemmender Desillusion. Katharine Mehrling unterbindet den desolaten Aspekt häufig, indem sie die entmutigenden und teils auch erdrückenden Stimmungselemente mit den Rhythmen verschiedener Jazzstilrichtungen aufhellt.

 

Katharine schafft es, den düsteren Aspekt, der eigentlich vorherrscht, dennoch nicht überzustrapazieren. Einfach indem sie Genrebrücken überquert. Gewitzt bezieht die vielseitige Solistin die Einflüsse aus Swing, Jazz, Groove im harmonisch ausgewogenen Crossover mit nord- und südamerikanischer Populärmusik ein und ermöglicht es dem Zuhörer so, einen gewissen Trost in der Melancholie des Chansons zu entdecken.

 

Natürlich räumt auch Katharine der Valse Musette eine Schlüsselstellung ein, doch verleiht sie den Wechseln zwischen den Harmonien eine besondere Dynamik, so dass jegliche Interpretation ihre ganz eigene Note erfährt.    

 

Bei aller ¾-Fröhlichkeit haben die Triolen der Musette zudem irgendwie etwas Geheimnisvolles inne. Vielleicht ist es auch der Akkordeonklang, das charakteristische Wahrzeichen der Musette, welches an das Orakelhafte der weiten Ferne, in die der Seemann hintergründig blickt, milde Anlehnung findet.

 

Aber auch die Balladenklänge zeugen von einem latenten Mysterium. Und Katharine offenbart das Interesse, diese Rätselhaftigkeit zu genießen. Dabei eine gewisse Verspieltheit an den Tag zu legen und die sehnsuchtsvolle Gemütslage des vermeintlichen Glücks auszukosten.  

 

Chanson, Swing, Jazz – alles geht nahezu perfekt (und diesen Ausdruck verwende ich sonst nur mit äußerster Zurückhaltung) ineinander über. Es ruft schier Gänsehaut hervor, wie konform sich eigentlich kontrastierende Elemente behutsam aneinander schmiegen. Und dann versteht man, dass selbst die Traurigkeit der Protagonistin noch immer nicht dasselbe gewaltige Volumen aufweist, wie das eigentliche Ausmaß des Verlustes ihrer Liebe.

 

Die Liebe als unverwüstliche Konstante. Als zentraler Bestandteil dient die innerliche Finsternis, denn irgendwie ist klar, dass es wohl keine schlimmeren Narben gibt, als die auf der Seele. Die düstere Atmosphäre vermittelt auch den Eindruck von Nacht. Zumindest geht es um das, was die Dunkelheit bringt. Herz, Schmerz und der Mond – sie alle wachen in der Nacht. Und die Klage schallt in der Nacht wohl am lautesten.

 

Die Songs beinhalten zumeist Beobachtungen. Es sind die Menschen, die einsamen und die liebenden, die im Mittelpunkt stehen. Doch die Musette verlangt es geradezu, dass auch die feiernde Menge gehörige Beachtung findet. Und nicht zuletzt sind es die Naturbeschreibungen in weiter Ferne, die mit schmerzlichen Milieudetails aus nächster Nähe kontrastieren, was das Chanson zum dramatischen Höhepunkt geleitet.

 

Auf dem Zenit der Tragik angelangt, enden die Lieder vorzugsweise offen. Offen und mit gehörigem Mangel an Hoffnung. Denn der Liebste ist nicht zugegen und somit gibt es auch keinen Trost. Was bleibt sind drei Dinge: Sehnsucht, Sehnsucht und dann eventuell noch: Sehnsucht!

 

Katharine Mehrlings anspruchsvolle Darbietung gibt der tristen Grundstimmung einen etwas anderen Ansatz. Die herausragende Interpretin vermittelt den Eindruck, dass das offene Ende möglicherweise doch einen gewissen Spielraum für Trost zulässt. Sie präzisiert diese hoffnungsfrohe Wahrnehmung mit ihrem ausgeprägten Musikempfinden – mit ihrer Gabe die Rhythmen von Jazz, Swing, Blues, Walzer, Foxtrott, Charleston usw. so stimmig mit dem Chanson in Einklang zu bringen.  

 

Die Texte, Übertreibung an der Tagesordnung – und doch glaubhaft vermittelt, zeichnen das Gemälde ihrer Zeit. Und geben das Pariser Milieu, in dem Edith Piaf ihr Leben verbrachte, bildhaft wieder. Häufig wird die Liebesbeziehung eines ungleichen Paares thematisiert und fast immer endet die Liebe tragisch.

 

Manchmal wirkt es, als beobachte die Interpretin mit einer Art Abstand, fast schon wie aus der Distanz heraus. Da bekommt man das Gefühl, die Erzählung sei eine wohlbedachte. Wie eine Geschichte, aus der jeder seine eigenen Schlüsse ziehen kann. Die Erzählerin weiß auf jeden Fall Bescheid.

 

Weltgewandt bedient Katharine Mehrling das französische Vokabular ebenso wie das englische und lässt den Zuhörer an der Tour durch ihr bilderreiches Soundverständnis teilnehmen. Auf der CD fließt ihre musikalische Handschrift so intensiv ein, dass das Gehör zur musikalischen Gebärmutter avanciert – dort, wo Leben entsteht.

 

Dass dies so ausdrucksstark spürbar wird, ist freilich nicht nur Katharines herausragender Stimme und Gesangskunst zu verdanken, sondern auch den exzeptionellen Arrangements. Und ihren erstklassigen Musikern. Deren Gabe reicht von gewandt und behände über hingebungsvoll bis hin zu brillant-virtuos. So kann man feststellen, diese Künstler machen Instrumentalbegleitung zu einem aufregenden Erlebnis.

 

Der musikalische Charakter wird ebenso wie die inhaltliche Aussage nochmals durch das Zusammenspiel, aber auch durch den Wechsel zwischen gesungenen und Instrumentalpassagen hervorgehoben. Denn während die Interpretin in Gedanken versunken ihrer wehmütigen Hoffnung nachhängt, greifen die großartig agierenden Musiker die Melodie auf und präsentieren ihre Soli mitsamt jenen improvisatorischen Interaktionen, die die Spontanität der Jazztradition ausmachen.   

 

Es ist in jedem Fall eine Begegnung der Superlative, denn Sängerin und Musiker überzeugen mit ihrem Facettenreichtum. Dabei entstehen viele nahezu erschütternde Momente – im positiven Sinne verstanden. Es gibt in der Kunstgattung Musik ein hehres Ziel: gemeinsam ein Musikerlebnis zu schaffen, das ehrlich ist und die Seele bewegt. So kann man das Ideal auf den Punkt bringen. Und dieses Ideal findet seine bewegende Umsetzung auf der sorgfältig erarbeiteten CD „Piaf au Bar“ von Katharine Mehrling und ihren musikalischen Weggefährten.

 

Weltklasse – Gratulation!

                                                                                                                                                            © Juliette Nezami-Tavi

 

 

 

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