Ernst Knauff - das Interview, Tl. 2

 

Ernst Knauffs Aversion gegen die elektronisch aufgeladenen Komponenten in der Musik verlangt geradezu nach der Frage, welches er jetzt und heute als seine bevorzugte Ära ansieht. Doch Ernst Knauff mag sich berechtigterweise hier nicht bindend festlegen, zumindest erlaubt er kein Schubladendenken.

 

Ernst Knauff: »Das ist eine Entwicklungssache und in gewissem Sinne ist es auch eine Altersfrage. Denn nach dem Krieg wurde Dixieland gespielt. Dann ging’s über den Swing in die Bebop Zeit. Danach kam der Cool Jazz und auf den folgte der Hard Bop. Wenn Sie mich jetzt fragen, jetzt ist mein Favorit Hard Bop. Jetzt! Aber Hard Bop gab’s ja vor den 1950er Jahren noch gar nicht. Damals waren es Art Blakey, Julian und Nat Adderley, Dizzy Gillespie und wie sie alle hießen. Bebop nannte man deren damaligen Stil. Und Bebop wurde auch in der »Nachteule« gespielt. Die »Nachteule« war ein Schwabinger Jazz-Lokal, da haben wir gespielt und die Leute haben dazu getanzt. Das war, wie gesagt, Bebop und der Nachfolger, der tausendprozentige Nachfolger von Bebop ist der Rock’n Roll. Das, was die Leute auf Rock’n Roll tanzen, das haben wir früher auf den Bebop getanzt. Dieses ganze Rumschlingern, das über die Schulter schmeißen – das ist Bebop. Das wurde kommerzialisiert in den Rock’n Roll übernommen.«

 

 

Welche Faktoren haben die Entwicklungsgeschichte besonders maßgeblich vorangetrieben?

 

Ernst Knauff: »Die Schallplatten Industrie spielte eine große Rolle. Das ging in den 1980er Jahren los. Oder auch schon früher, als die Jazz Musik sich so ein bisschen totgelaufen hatte. Denn es war ja nun schon alles da gewesen. Dennoch mussten weiterhin Platten verkauft werden. Also musste man neue Wege gehen. Die Musiker waren da schon auch dran interessiert. Dann kam dieses Vermengen, zuerst mit Lateinamerika, dann mit Indien und Spanien. Bekanntes Beispiel: die Schallplatte „Sketches“ von Miles Davis. Nachdem das dann abgeebbt war, kam der Free Jazz bzw. auch schon zwischendurch entwickelte sich der Free Jazz. Und jetzt?! – Im Endeffekt haben wir jetzt die Weltmusik, die mit Jazz Musik, für meine Begriffe, sehr wenig zu tun hat. Toleranz ist angesagt. Akzeptanz für alles, was es gibt. Aber wieso dann unter dem Namen Jazz?«

 

Allerdings muss ich Ernst Knauff hier ein wenig widersprechen bzw. seine Überlegung stärken, dass die Entwicklung des Crossover früher, um nicht zu sagen, VIEL früher startete. Sicher war in den 80er Jahren einiges an Bewegung drin. Doch der Latin Jazz hatte seine Anfänge bereits in der Blütezeit des Jazz. Ich denke nicht, dass sich der Latin-Jazz entwickelt hat, weil sich Jazz Musik in irgendwelchen Sackgassen befand. Im Gegenteil, man öffnete und erweiterte die Optionen der Variabilität. Und so begann man bereits ab 1947, sich beim Modern Jazz aus dem Repertoire lateinamerikanischer Rhythmen, insbesondere Klänge aus der Karibik und hier wiederum nahm vor allem Kuba eine Schlüsselposition ein, zu bedienen. Pionier hierfür war u.a. Dizzy Gillespie, der 1947 in der Carnegie Hall in New York, zusammen mit kubanischen Perkussionisten die „Afro-Cuban Drums Suite“ zum Besten gab. Nicht zu vergessen, dass auch die angesprochenen „Sketches of Spain“ von Miles Davis bereits 1960 erschienen waren. Also sehr lange vor den 80ern. Da muss ich Ernst Knauffs Meinung kritisch entgegentreten.   

 

In den meisten seiner Ansichten legt Ernst Knauff offenkundig eine gewisse Rigorosität an den Tag. Er fordert konsequentes Denken, von sich und von anderen. Und er ist ein Purist in Sachen Jazz Musik. Er akzeptiert verschiedene Stilrichtungen, doch wenn sie zu sehr vom reinen, ausgeprägten Jazz abweichen, empfindet er extreme Vorbehalte, diese auch als Jazz zu titulieren. Es sind für ihn generell tolerierte Musikrichtungen, aber er möchte sie nicht dem Genre Jazz zugeordnet wissen.

 

 

Ernst Knauff hält in seiner Geschmackspräferenz eher am Konventionellen fest. Dabei steht gerade der Jazz für das Unkonventionelle. Das Crossover mit vielerlei anderen Musiktraditionen hat anderen Musiksparten, von der Folklore über Rock/Pop bis hin zur Klassik und vielen anderen Genres, unendliche Möglichkeiten eröffnet. Jazz hat die Musik für die Unendlichkeit der Variationsmöglichkeiten erweitert.   

 

Die reinen Werte des Jazz hochhaltend, zählt Ernst Knauff zu den überzeugten Jazzpuristen. Daher kann er auch dem elektronischen Klanggebräu der zeitgenössischen Jazzstilrichtungen nichts abgewinnen. Was ihn jedoch nicht davon abhielt, dem Trend der Zeit zu folgen und regelmäßig Musiker ins Engagement zu nehmen, die nicht auf die Entwicklung Richtung elektronischer Mainstream verzichten wollten. Auch hier muss man hinzufügen, es war eine Expansion in Sachen Bewegung, Ausbau, Vielfalt und Varianz. Die Klangqualität in der Elektronik mag Geschmackssache sein, aber, dass sie für Wachstum und die Eröffnung neuer Möglichkeiten steht, mag unbestritten sein.   

 

 

Jazz ist die große Passion des ehemaligen Domicile-Betreibers, Ernst Knauff, aber eben doch eher die konventionelle Stilrichtung in der ursprünglich reinen Interpretation. Daher möchten wir wissen, ob der frühere Club-Besitzer auch heute noch aktuelle Jazz-Lokale besucht. In München wäre da beispielsweise die Unterfahrt zu benennen. Empfindet Ernst Knauff Freude oder eher Wehmut, wenn er heute den Jazz-Club Unterfahrt besucht?

 

 

Ernst Knauff: »Ich geh da selten hin, vielleicht zwei, drei oder vier Mal im Jahr. Aber nicht um Musik zu hören. Das sag ich Ihnen ganz ehrlich. Ich geh dahin, um eventuell mal wieder Leute zu treffen. Man weiß ja nicht, was einen erwartet. Gut, es ist angekündigt, wer spielt. Trotzdem geht alles so Querbeet, durch alle Musikrichtungen, die es überhaupt gibt. Und manchmal hat die Musik, die da gespielt wird, mit dem Jazzclub sehr wenig zu tun. Aber, Gott sei Dank, haben wir die Situation, dass es den Laden noch gibt. Und sie haben ja auch total fantastische Acts – fantastische Darbietungen! Aber die spielen dann nur einen Abend. Im Domicile haben die damals eine Woche am Stück gespielt. Und dann kommt’s ja auch noch drauf an, wie die Musiker aufgelegt sind, ob man das Glück hat, dass sie gut aufgelegt sind. Gibt ja auch Tage, an denen die Musiker keine Lust haben, sondern wirklich nur fürs Geld spielen. Aber das hat’s immer gegeben.«

 

 

Apropos »fürs Geld spielen«, Ernst Knauff ist musikalisch zweifelsohne sehr bewandert, aber im Gegensatz zum Gros der Künstler, ist er auch ein äußerst versierter Geschäftsmann. Sein Sinn für Wirtschaftlichkeit beruht allerdings auch auf fundierten Kenntnissen.

 

 

Ernst Knauff: »Ich komme aus einem Geschäftshaushalt in Aachen. Ab dem Mittagstisch drehte sich alles immer nur ums Geschäft und um Umsatzzahlen. Mein Vater besaß zwei Lebensmittel- und ein Fischspezialgeschäft in Aachen. In der Vor- und auch Nachkriegszeit hat das Personal noch mit am Tisch gesessen. Sie haben mit der Familie zusammen zu Mittag gegessen. Und das wurde mir praktisch nahegelegt. Ich habe die Verhaltensstrukturen von meinem Vater geerbt und konnte immer schon sehr ökonomisch leben und denken. Und das ist ja nicht das schlechteste gewesen.«

 

 

Aber gerade, weil Ernst Knauff einen so ausgeprägten Geschäftssinn hat, ist es doch eher erstaunlich, dass er 1965 einen Jazz Club eröffnete, der alles andere als vielversprechende Erfolgsaussichten aufwies. Es war ein absolutes Lotteriespiel, ohne jegliche Rentabilitätsprognose, geschweige denn eine Garantie auf florierende Wirtschaftlichkeit. Ohne irgendwelche gesicherten Fakten oder Daten, die eigentlich Grundvoraussetzung für die Umsetzung einer Geschäftsidee sind, begab sich Ernst Knauff auf die Fahrt ins Blaue. Denn die Motivation hierfür war in der Tat keine Geschäftsidee, von denen Knauff vorher bereits reichlich hatte, sondern hier stand die Kunst im Vordergrund. Natürlich setzte Ernst Knauff alles daran, um finanziell zugkräftige, internationale Erfolgsgaranten ins Engagement zu bekommen, aber auch hierbei spielte die musikalische Qualität eine große Rolle. Ausschlaggebend für Knauffs Entscheidung, den Jazz Club zu etablieren, war, er wollte dem Modern Jazz in München eine Bühne geben. Es war die Zeit, als Beat und Rock das Lebensgefühl der Jugendlichen eroberten und somit auch in den kommenden Clubs den Ton angaben. In der Schwabinger Leopoldstraße eröffneten das »Big Apple« und direkt daneben das »PN Hithouse«. Angesagte Jugendtreffpunkte, die auf Beat, Rockmusik und Pop-Rock setzten. Zeitgleich endete die Ära der Jazz-Live-Szene in der »Universitätsreitschule«, ebenso wie in den Live-Musik-Clubs »Tarantel« und »Nachteule«. Ernst Knauff sah, wie Live-Musik andernorts den Niedergang des Jazz zu besiegeln drohte und wollte dem entgegenwirken. Die wirtschaftliche Rentabilität dessen war für Ernst Knauff in dem Moment irrelevant.

 

Wie sah er selbst die Erfolgsaussichten, als er Anfang Mai 1965 seinem neuen Lokal, dem »Domicile«, den Startschuss gab.

 

Ernst Knauff: »Die Erfolgsaussichten waren ganz miserabel. Die „Tarantel“, Ecke Feilitzsch-/Marktstraße, war ein Lokal, in das Nat Adderley mal eingestiegen ist, aber auch Lucky Thompson und Stan Getz haben da gespielt. Die „Tarantel“ hat 1963 geschlossen, aus welchen Gründen auch immer. Wahrscheinlich, weil es nicht so gut lief. Wir haben ja damals eine Band gehabt, das Heinz Schellerer Sextett. Und mir wurde von einem Playboy in München, James Graser, in der Siegesstraße der „Siegesgarten“ angeboten. Damals hieß es allerdings schon „Pussy Cat“, aber ehemals war‘s der „Siegesgarten“. Und das habe ich gemacht.«

 

Wie kam es dazu? Ernst Knauff hatte zu dem Zeitpunkt ja bereits einige Lokale in München und Umgebung, in denen aber bis dato der Bierausschank und nicht die Live-Musik dominierte.

 

Ernst Knauff: »Ich müsste die ganze Vorgeschichte erzählen, wieso er mir das angeboten hat:

Ich hatte 1961 die Schwabinger „Siegen“ aufgemacht, die dann irgendwann, d.h. vor ein paar Jahren in die Luft geflogen ist – das war genau die Schwabinger „Siegen“. Die habe ich 1961 aufgemacht, am 15. Juli, das werde ich nie vergessen. Und dann machte die „Tarantel“ zu. Aber wir haben immer noch Musik gemacht. Plötzlich hatte die Jazzmusik in Schwabing keine Heimat mehr. Da wurde mir das Lokal angeboten und ich hab gesagt: Dann mach ich da einfach ein Jazz Lokal auf!

 

 

Zu dem Zeitpunkt war Jazz in München rückläufig, Live-Auftritte erst recht. Kann man behaupten, dass Knauffs Intention somit rein idealistischer Natur war?

 

Ernst Knauff: »Ja, auf jeden Fall! Aber ich habe mit der Schwabinger „Siegen“ unheimlich viel Geld verdient – doch das war auch die Intention. Ich habe erst die Schwabinger „Siegen“, dann, 1962/63, die GoKart Bahn in Garching-Hochbrück aufgemacht. Auf dieser GoKart Bahn hat mich James Graser gefragt, ob ich Lust hätte, das Lokal von ihm zu übernehmen. Er war nicht zufrieden damit. Ich hatte das Geld – es waren 65.000,- DM. Dafür hätte man damals auch eine Eigentumswohnung gekriegt. Und das hat der Laden gekostet. Den hab ich gekauft, das heißt ich habe den Pachtvertrag gekauft. Und da drin hab ich dann das Domicile aufgemacht. Natürlich in der Hoffnung, dass es läuft.«

 

Ernst Knauff hatte auch noch andere Lokale und eine Pils-Kneipe:

»Insgesamt waren es sechs Stück. Die anderen fünf waren aber unterverpachtet. Ich persönlich habe nur das Domicile gemacht. Wobei ich mich auch hier nicht um die Gastronomie, sondern nur um das Programm gekümmert habe. Ich hatte immer Geschäftsführerinnen – und zwar sehr gute. Die eine ist jetzt in New York, sie hat in New York geheiratet. Ich hatte ihr anstelle einer Gehaltserhöhung, jährlich einen Freiflug nach New York gewährt. Das habe ich drei Mal gemacht, dann war sie drüben verheiratet. Das war meine beste Geschäftsführerin. So spielt das Leben.«

 

Apropos Flüge. Ist es korrekt, dass er hinsichtlich der Flugkosten für Musiker, Deals mit anderen europäischen Clubs geschlossen hat? Zum Beispiel liest man seinen Namen immer wieder im Zusammenhang mit dem legendären Londoner „Ronnie Scott’s Jazz Club“ und, dass sich die beiden häufig in die horrenden Überseeflugkosten hinein geteilt hätten.

Ernst Knauff: »Das stimmt überhaupt nicht! Es wird öfter erwähnt oder geschrieben, dass ich mit Ronnie Scott zusammengearbeitet hätte. Das habe ich auch mal versucht. Aber das hat nie – nicht einziges Mal hat das geklappt.«      

 

Bedeutet das, Ernst Knauff musste stets und immer für die gesamten Flugkosten der von ihm engagierten Musiker voll aufgekommen? Im Prinzip ja. Allerdings war Ernst Knauff ja auch cleverer Geschäftsmann und wusste durchaus, wie man die Passagierbeförderungskosten hin und wieder umgeht.

 

Ernst Knauff: »Bei den meisten US-Musikern, die rüber kamen, musste ich voll bezahlen. Ab 1968 bin ich regelmäßig nach New York geflogen. Bis 1994, also in knapp 30 Jahren, war ich 70 Mal in New York. Ich hab mich da besser ausgekannt, als in Schwabing. Ist ja auch einfacher, weil alles, bis aufs Downtown, quadratisch ist. Nachdem vorher bereits einige bekannte US-Amerikaner bei mir gespielt hatten, haben die drüben, in New York, natürlich darüber gesprochen. Das geht rum, wie ein Lauffeuer: „Da ist ein neuer Club in München, da könnt ihr spielen usw.“ Und immer, wenn ich rüber kam, haben die zu mir gesagt: „Give me a job, give me a job!“ Also hab ich denen geantwortet: „Ja, o.k.! Du kannst bei mir spielen, aber wie kommst du nach München?“ Es gab in Harlem einen Manager, einen gewissen Nick. Der hat damals die meisten US-Amerikaner rüber geholt. Er hat die Musiker zwei Monate lang auf Europa Tournee geschickt. Große Konzerte, Fernsehen – damals wurde ja noch richtig Geld gezahlt. Öffentlich rechtliches Geld. Und da bin ich dann auf den Gedanken gekommen, zu sagen: „Pass mal auf, wenn du wieder für den Nick auf Tournee bist, dann sagst du ihm bitte, du möchtest eine Woche in München im Domicile spielen. Aber zu den Bedingungen, die ich mit dir aushandle und nicht die, die dein Manager mit mir aushandeln will. Denn dann hab ich keine Chance. Und so haben das – also, ich will nicht sagen, viele, aber doch einige gemacht. Die sind ja auch froh, wenn die Musiker mal eine Woche an einem Platz bleiben können. Wenn sie mal wieder die Klamotten herrichten können. Das ist für die ja auch gut, wenn sie mal eine Woche Luft haben und abends nur in den Club gehen müssen und spielen. Statt jeden Tag von Kopenhagen nach sonst wohin zu hetzen, statt nur in irgendeinem Zug unterwegs gewesen zu sein. Das war keine schöne Sache für die Musiker. Aber es war deren Job und sie mussten damit Geld verdienen. Und darüber ist sehr viel gelaufen.«

 

 

Das Einzigartige am Domicile war für Ernst Knauff, dass er den Musikern die Möglichkeit gab, eine Woche en-suite spielen zu können.

 

Ernst Knauff: »Das ist ja der Fehler, den die in der Unterfahrt machen. Die haben einen Riesen-Act, – einen Tag. Und wenn dann am nächsten Tag in der Zeitung steht, dass es eine sehr gute Darbietung war, sind die Musiker bereits weg. Vollkommen falsch! Das hab ich denen schon vor ewigen Zeiten gesagt. Sonst kann man ja jeden Tag wechseln, aber nicht, wenn man so einen großen Act hat. Als ich einmal da war, war es brechend voll. Da waren Leute für drei Tage. Aber jeden Tag ein anderes Programm – das ist ein Fehler. Deswegen ist natürlich das Verhältnis von einem Jazz-Club zur Presse wichtig. Man sollte das Verhältnis schon, zumindest begrenzt, pflegen. Also die Leute nicht bestechen oder irgendwas, aber nett, gut und aufmerksam behandeln.«

 

 

Der Umgang mit Mitmenschen bringt mich auf meine nächste Frage. Es ist auffällig, dass Ernst Knauff auf gute Umgangsformen Wert legt. Seine höflichen Manieren zeugen von Respekt, aber auch vom Wissen um soziales Verhalten. Knauff weiß, wie man mit Menschen umgehen muss, wie man ihnen die nötige Wertschätzung entgegenbringt. Er hat aber auch andere Erfahrungen machen müssen.

 

Ernst Knauff: »Als ich 1968 das erste Mal in New York war, da hab ich natürlich die Augen aufgemacht. Und ich habe gesehen, wie die Musiker dort miserabel behandelt wurden. Die wurden wirklich sehr schlecht behandelt! Hier drüben wurde gesagt, die würden da leben wie die Könige. Aber das war nicht die Realität, das wurde hier nur so verbreitet. Wie hat mal eine Sängerin gesagt: „They treated us like shit“. Sie sang in einem relativ neu eröffneten, sehr angesehenen Club. Ich habe ich mich mit ihr darüber unterhalten. Da sie als Sängerin nicht genügend Jobs hatte, saß sie zusätzlich noch an der Kasse eines anderen Clubs. Daher kannte ich sie. Und als ich sie gefragt habe, betonte sie immer wieder: „They treated us like shit.“ Die Musiker haben es in den 60er und 70er Jahren sehr schwer gehabt – von der Zeit vorher kann ich ja nicht reden, da war ich noch nicht dort. Aber da ist es bestimmt nicht besser gewesen! Ich hab da Charlie Mingus in einem Club spielen sehen, in einer weltberühmten Besetzung, und Charlie Mingus selbst hat wirklich Geschichte geschrieben, – und die haben da vor fünf Leuten gespielt. Und zwei davon waren der Joe Werkmeister ich. In einem Club! Dann sind wir am nächsten Tag ins Vanguard und da hat Bill Evans gespielt. Und da waren drei Leute drin – davon waren zwei wir und einer saß ganz vorn. Also, das waren ganz schlimme Zeiten für die Musiker, ganz schlimme Zeiten!«

 

Überhaupt ist Ernst Knauff relativ ernüchtert, was den Stellenwert von Kultur in den USA betrifft. Nun, wer innerhalb von 30 Jahren 70 Mal in Amerika war, darf sich auch eine Meinung bilden. Und so ganz Unrecht hat er wohl auch nicht.

 

Ernst Knauff: »Erst recht, was die in den 30er Jahren erlebt haben – was ich da so aus den Büchern lese. Und das ist sowieso die einzige Kultur, die die Amerikaner haben: Jazz und Coca Cola. Wenn man ehrlich ist. Und die Jazz Musik, die kommt nicht mal von ihnen selbst, sondern die haben sie importiert aus Afrika und aus der Karibik.«

 

 

Nun, sind wir alle wieder auf dem Boden der Tatsachen gelandet. Daher weiter im Text, zurück zum Domicile.

 

Gab es hinsichtlich des Programms im Domicile, also Inhalt und Länge betreffend, irgendwelche Vorgaben? Und wenn ja, wie flexibel mussten diese eingehalten werden oder waren es gar strikte Vorgaben?

 

Ernst Knauff: »Das habe ich vorgeschrieben! No play, no pay!«

 

Nun, Ernst Knauff geht da gleich einen Schritt weiter. Bezeichnet Abweichungen gar als Starallüren. Die er aber von vorne herein unterbunden hat.

 

Ernst Knauff: »Das hab ich denen gleich – in Anführungsstrichen – abgewöhnt

 

Wobei er betont, dass es sich um gegenseitige Respektsbekundung handelte, wenn man einander mit vernunftsbezogener Anständigkeit begegnet ist. Er wusste aber auch, wie exzentrisch viele Musiker sind und wollte diese Exzentrik nicht in der Arbeitsmoral ausgelebt wissen. Er bot den Musikern eine Bühne und wollte, dass sich die Künstler mit Bodenständigkeit darauf bewegten. Das funktionierte auch bestens. Zumindest was das professionelle Verhalten auf der Bühne betraf. Im Privaten, also hinter den Kulissen, musste sich Ernst Knauff über so manches Hallodri-Verhalten ärgern. Obwohl Knauff daraus stets die Konsequenzen zu ziehen wusste, gab es immer einen, der noch das i-Tüpfelchen setzte.

 

Beispielsweise besaß Ernst Knauff im ersten Domicile, in der Siegesstraße, auch die oberen Räume über dem Lokal. Diese hatte er an Musiker vermietet, die sich die Räumlichkeiten als WG teilten. Wie darf man sich das vorstellen?

 

Ernst Knauff: »Da waren vier Zimmer, die waren alle eingerichtet. Also Fernseher stand keiner drin, war ja noch nicht so gebräuchlich, dass jeder Haushalt einen hatte. Aber sonst war alles da, was man so benötigt. Das war für die Musiker eine wahnsinnige Hilfe, dass sie da wohnen konnten.«

 

Dort oben gab es sogar einen Telefonanschluss (für damalige Verhältnisse keine Selbstverständlichkeit) und Ernst Knauff hatte für die Musiker den entsprechenden Apparat eingerichtet. Doch es dauerte nicht lange, da führten die Künstler teure Auslandsgespräche, die zur damaligen Zeit noch ein Vermögen kosteten und Knauff blieb am Ende des Monats auf horrenden Telefonabrechnungen sitzen. Ja, es gab eine Zeit vor Flatrate und Smartphone, da hatten die großen Telefongeräte noch lange Kabel, keine Tastatur, sondern Wählscheiben und ein Gespräch ins Ausland bescherte dem Inhaber Unsummen an Rechnungsbeträgen.

 

Konsequenterweise versah der geschäftstüchtige Clubbesitzer den Telefonapparat mit einem Schloss, so dass die Musiker zwar angerufen werden, aber aufgrund der Schlossvorrichtung nicht raustelefonieren konnten. Doch die Musiker waren nicht dumm. Ernst Knauff ist Pragmatiker, aber irgendwie hat er nicht mit dem Einfallsreichtum der Künstler gerechnet.

 

Ernst Knauff: »Was haben die also gemacht?! Es war Hans Rettenbacher, der war aus Wien. Ich hatte so ein kleines Schloss am Telefon angebracht, das hat der Rettenbacher mit einer Feile abgesägt, so dass die Musiker das Schloss rausnehmen konnten. Dann konnten sie natürlich auch rausrufen. Und wenn sie fertig telefoniert hatten, haben sie das Schloss wieder provisorisch reingeschoben. Bis ich plötzlich eine Rechnung über ein paar Hundert DM bekam. Da hab ich mich gefragt: „Wie geht denn das? Das da oben war ein getrennter Anschluss. Gott sei Dank, kein doppelter, sondern ein eigenständiger Zweiganschluss. Ja, dann hatte sich das mit dem Telefon auch erledigt. Ich hab ihm dann keine Gage bezahlt, aber die Rechnung war damit nicht gedeckt.«

 

Das war natürlich kein Grund für Ernst Knauff, die bewährte Einrichtung, Musikern nicht nur eine Bühne, sondern auch ein Zuhause anzubieten, zu beenden. Obgleich diese Ergänzung immer wieder für so manches Ärgernis gesorgt hatte, hielt er lange daran fest. Ernst Knauff: »Da hat es ja öfter schönes Theater gegeben.«

 

Künstler leben oftmals in ihrer eigenen Welt. Sie leben für ihre Kunst, achten dabei aber nicht zu sehr darauf, dass soziales Miteinander gewöhnlich auch bestimmten Regeln oder Verhaltensnormen unterworfen ist. Na ja, man möchte sich ja auch nicht dem Gewöhnlichen unterwerfen. Doch, was der mitunter unbekümmerte „laissez-faire“-Lebensstil, so ein bisschen nach dem Motto: mich kann nichts aufhalten oder was kostet die Welt und nach mir die Sintflut, für Konsequenzen nach sich ziehen kann, mussten die Musiker denn auch am eigenen Leib erfahren.

 

Denn irgendwann hatten die Musiker ein Register zu viel gezogen, waren über die Grenzen des Akzeptierbaren hinausgegangen. Ernst Knauff ist mit reichlich Verständnis ausgerüstet, doch er hat ebenso reichhaltige Prinzipien und so lief das Fass eines Tages über.

 

Ernst Knauff: Wir hatten ja Franzosen, Belgier, Holländer und so weiter, und eben auch Deutsche da. Unter anderem Joachim Kühn, den Free Jazz Pianisten, inzwischen weltberühmt. Er spielte mit etlichen Franzosen, wie Jacques Thollot und Pierre Michelot. Also die spielten im Domicile. Damals schon … – nicht Free, aber „angefreeten“ Jazz. So ein bisschen cha…, ich will nicht sagen chaotisch, das ist mir zu abmindernd, aber nicht für jeden zugänglich. Anschließend, nach dem Domicile gingen die immer in den Alten Simpl, in der Türkenstraße. Das war so ein Lokal, das bis 4 Uhr geöffnet hatte. Und die wohnten oben, über dem Domicile, Und eines Tages kam ich ins Domicile, so gegen halb 11 Uhr, da war gerade die Putzfrau da und die sagte: „Also, Ernst, nun pass einmal auf, das mach ich nicht mehr mit!“ Ich fragte: „Was ist los?“ Sie antwortett: „Geh mal mit rauf, in den ersten Stock.“ Sie hat außer dem Lokal natürlich auch die Musikerwohnung geputzt. Und dann sind wir da rauf marschiert und ich sah, was los war. Die ganze Wohnung war voller verbrannter Papierschnipsel. Ich fragte, wie das sein kann: „Wo kommt denn das her?“ Da hatte vorher ein Musiker aus Berlin gewohnt. Der hat einen MG gefahren und hatte seine Sommerreifen während des Winters da oben in der Wohnung deponiert. Die Musiker haben ja immer alles liegen gelassen. Ob das Bücher, Zeitschriften oder Hemden waren, einfach alles. Es lag da rum. Und dann waren die Herren zu faul, das Öl aus dem Keller zu holen, um es in den Heizofen zu tun. Es war ein Ölofen. Damals gab es ja keine Zentralheizung. Also, weil es im Winter so kalt war und weil sie zu faul waren, das Öl zu holen, haben die im Rausch oder auch nicht im Rausch, ganz egal, die vier Reifen aufeinander gelegt, haben alle liegengelassenen Zeitungen dazwischen gestopft und haben das angezündet.“ 

 

Ernst Knauff: »Dann haben wir die Wohnung aufgelöst. Wir haben sie alle rausgeschmissen. Und dann gab’s das nicht mehr.«

 

Ende der Ära Wohnungsvermietung. Was natürlich schade war, denn es war ungemein praktisch, wenn man vom Arbeitsplatz aus nur eine Etage höher gehen musste und dort seinen Wohnsitz hatte. Das Privileg, sich über dem Domicile einnisten zu können, hatte sich damit im wahrsten Sinne des Wortes in Rauch aufgelöst.  

 

Zum Thema »Anzünden und Brennen« gibt es aber noch eine weitere Geschichte, die, man mag es kaum glauben, letztere an Dramatik gar noch übertrifft. 

 

Ernst Knauff: »1965 hab ich das Domicile aufgemacht. Am 1. Mai – da hab ich mir einen guten Termin ausgesucht. [Knauff sagt das mit einem Augenzwinkern] Und zwei Jahre später, auch im Mai, allerdings Mitte Mai, ist das Domicile abgebrannt. Durch einen Schwelbrand. Ein Schwelbrand ausgelöst durch eine Zigarette. Der „Brandstifter“ war Hartwig Bartz, der ehemalige Schlagzeuger von Albert Mangelsdorff. Hartwig Bartz arbeitete über mehrere Jahre bei mir im Domicile, zusammen mit Joe Haider und Pony Poindexter, Olaf Kübler und Alexander von Schlippenbach. Auf jeden Fall hatten wir Probleme wegen der Lautstärke. Klar! Jazz Musik in einem Wohnhaus. Und da hatte ich einen schwerwiegenden Fehler begangen. Das Podium war über Balken fest mit der Wand verbunden. Die Balken waren hinten in die Mauer eingelassen. Und wenn der Schlagzeuger auf dem Podium sitzend da rumgetrommelt oder generell die Musik gespielt hat, so ist das in die Wände reingegangen. Die Vibrationen, der Schall – alles ungefiltert in die Mauer. Dieser sogenannte Körperschall, der geht in einen Festkörper, die Wand und wird dann oben im 4.Stock wieder frei. Der Schall ist oben, im 4. Stock, wieder hörbar, als wenn man direkt daneben stehen würde. Und den Fehler dieser Konstruktion hab ich gemacht, also das Podium über Balken zu festigen, die hinten in die Mauer eingelassen waren. Dazu kam, dass das ganze Haus irgendwie wellig war. Wir mussten also Maßnahmen ergreifen, damit das korrigiert wurde. Daher haben wir das Podium aus der Wand rausgezogen, damit keine direkte Verbindung mehr bestand. Und dann war’s besser. Dann haben wir das Podium auf Gummifüße gestellt und so die Vibrationen gedämpft – hat nicht viel genutzt, aber doch ein bisschen. Nachdem wir die Balken also aus der Mauer gezogen hatten, blieb hinten an der Stelle natürlich so ein schmaler Schlitz, der sich die Wand entlang zog. Und jetzt saß der Bartz hinten – der Schlagzeuger sitzt ja meistens hinten – und der war Kettenraucher. Ich seh ihn noch, wie er eine Roth-Händle nach der anderen anzündet. Er spielte mit einer Hand weiter, während er hinten an der Wand die Zigaretten ausdrückte. Im Laufe der Zeit hatte sich hinten in dem Schlitz allerlei angesammelt. Von Bierdeckeln über Zigarettenschachteln, alles Mögliche war da reingestopft worden. Ich hatte eine sehr gute Putzfrau, aber da in den schmalen Schlitz kam sie nicht rein. Der Drummer saß direkt davor, hat da immer seine Zigaretten entsorgt und so ist der Schwelbrand entstanden.«

 

Auch wenn Ernst Knauff den Schlagzeuger Hartwig Bartz hier lapidar als »Brandstifter« bezeichnet, war das natürlich kein absichtliches Unterfangen. Dennoch nahm Bartz‘ Karriere ein sehr tragisches Ende mit weitreichenderen Folgen, als »nur« einem abgebrannten Jazz Club. Hartwig Bartz war nicht nur Zigaretten-abhängig, sondern mittlerweile auch schwer drogensüchtig. Bis 1969 hatte er im Domicile gearbeitet. Nur zwei Jahre später musste Bartz für 18 Jahre in die geschlossene Psychiatrie, nachdem er unter nie geklärten Umständen seine Ehefrau erschlagen hatte. Er wurde 1989 entlassen, war aber danach nicht mehr in der Lage, seinen Beruf auszuüben.     

 

Die vermeintliche Brandstiftung war hingegen alles andere als Absicht, das war einfach unglücklich gelaufen. In meiner Unwissenheit schlussfolgere ich, dass die Tatsache, dass das Domicile komplett abgebrannt ist, auch die Ursache für den Umzug in die Leopoldstraße war. Doch Ernst Knauff belehrte mich umgehend eines Besseren. Logisch, ich hätte einfach nur mal auf die Jahreszahlen gucken müssen …

 

Ernst Knauff: »Nein, dass der Laden abgebrannt ist, hat nichts mit dem Umzug zu tun. Das war 1967 und ich bin 1976 auf die Leopoldstraße umgezogen.«  

 

Bei der stilbewussten Einrichtung beider Clubs stand ihm sein guter Freund, Josef Werkmeister zur Seite, der nicht nur mit fotografischem Auge beriet, sondern auch die Bilder im Papierformat dazu lieferte. Überhaupt spielte Sepp Werkmeister eine besondere Rolle, als es galt, dem Clubbesitzer neue Bild- und Blickwinkel zu eröffnen. Und da war nicht nur der Blick durchs Kameraobjektiv gefragt. Denn Werkmeister machte Ernst Knauff klar, dass er in seiner persönlichen »Brennweite« expandieren muss. Es galt, selbst nach Amerika zu reisen, um Musiker vor Ort zu akquirieren. Und so war es tatsächlich Josef Werkmeister, der Ernst Knauff hinsichtlich seiner ersten Reise nach Amerika überzeugte.

 

Ernst Knauff: »Ja, der Joe hat mich dazu überredet. Er hat immer gesagt: du musst nach New York! Von Amerika war da noch nicht die Rede. Aber dann haben wir doch die gesamten Staaten bereist. Drei Wochen lang. Gemeinsam waren wir dann vielleicht noch vier oder fünf Mal in Amerika. Mit ihm zusammen war es immer ein sehr angenehmes Reisen, obwohl wir im Grunde genommen eigentlich sehr unterschiedliche Typen sind. Er ist ein rein optischer Mensch und ich hab immer gesagt, ich leb sehr mit den Ohren. Ich bin also rein vom Hören her orientiert. Dadurch sind wir uns nie im Wege gestanden, haben aber dennoch das gemeinsame Interesse, den Jazz gehabt.«

 

Josef Werkmeister ist bei diesem Interview anwesend – insgesamt fanden zwei lange Gespräche statt – und blickt selbst zufrieden auf seinen alten Kumpel. Natürlich reagiert Ernst Knauff umgehend auf die unausgesprochene Aufforderung:

 

Ernst Knauff: »Klar! Wir verstehen uns wunderbar und haben zusammen auch wirklich sehr schöne Reisen gemacht.«

 

Und da Sepp Werkmeister sich immer leidenschaftlich für das Domicile engagiert hat und auch heute noch dessen einzigartige Bedeutung hervorhebt, unterstreicht Ernst Knauff abermals Werkmeisters Beitrag zur eleganten Milieuatmosphäre.

 

Ernst Knauff: »Am optischen Ambiente in beiden Domicile Clubs hat Joe wesentlich mitgewirkt, hat das Ganze geprägt. Ich habe ihn aber auch immer gefragt. Ich habe gesagt: „Joe, pass mal auf. Hier im Domicile, wie denkst du darüber?“ Wir haben uns ja erst im Domicile kennengelernt, aber schon im Domicile in der Siegesstraße, und dort hat er mir ja auch die Gestaltung gemacht. Er hat da natürlich immer seine Musiker gesehen. Da oben hingen erst Spielkarten drüber. Joe sagte: „Die Spielkarten interessieren nicht, da müssen Musiker hängen!“ Da hab ich ihm freie Hand gelassen und geantwortet: „Bitte, mach, was du willst! Ich hab natürlich alles mitgespielt, was er gemacht hat. Hab alles bezahlt. Preiswert natürlich, weil es ja seine Ambition war. Und wie ich dann aus der Siegesstraße auf die Leopoldstraße gezogen bin, am 12. Januar 1976, hab ich ihn vorher angerufen. Wir haben uns vorher getroffen und ich hab zu ihm gesagt: „Pass mal auf, ich zieh jetzt um, auf die Leopoldstraße mit 4 Uhr Konzession. In der Siegesstraße war ja nur 1 Uhr Konzession. Und natürlich war dort alles noch ein bisschen größer und übersichtlicher. Im Oktober haben wir dann den Laden für zwei Monate zugemacht, um das Lokal neu zu planen. Also sagte ich zu Joe: „Komm, guck dir das an und dann machst du deine Vorschläge“. Und so hat er das Optische in beiden Domicile Clubs schon maßgeblich mitgestaltet.«

 

Ernst Knauff schätzt Werkmeisters Qualitäten ebenso wie seine Einstellung. Allerdings betont er auch, dass beide Charaktere nicht unterschiedlicher sein könnten. Trotzdem scheinen sie sich optimal ergänzt zu haben. Wie beschreibt Ernst Knauff das Phänomen des Komplettierens durch Gegensätzlichkeit?

 

Ernst Knauff: »Joe macht vieles auch im Interesse der Sache. Aber dann möchte er sich natürlich auch selbst darstellen. Im Gegensatz zu mir, denn ich bin ja mehr … – ich will nicht sagen „introvertiert“, aber für mich kam es immer zuerst auf die Musik an. Der Joe Werkmeister ist natürlich schon eher extrovertiert. Er ist ja auch sehr fantasiebegabt. Und wie er manchmal Geschichten ausschmückt. Ich mein, ich bin ja dabei gewesen bin. Da denk ich mir dann nur: nein, so war’s nicht. Das soll ihn aber in keiner Weise abmindern. Er ist halt so. Das ist auch keine Alterssache. Er war immer sehr fantasievoll, auch schon vor 40 Jahren. Er hat schon immer eine rege Fantasie gehabt. Er hat auch schon vor 20 Jahren Geschichten erzählt, die wir zusammen erlebt haben, so ausschweifend, dass ich mich gefragt habe: ist das überhaupt noch die Geschichte, die wir erlebt haben? Tja, ist halt so. Aber ich meine, gerade weil wir im Grunde genommen so konträr sind, bis auf die eine Sache, wo wir beide dasselbe Interesse hatten, vielleicht haben wir uns deswegen immer so gut verstanden. Gegensätze ziehen sich an! Das war immer schon so.«

 

Der Wechsel von der Siegesstraße in die Leopoldstraße fand also in erster Linie aus zwei Gründen statt. Ob der Räumlichkeit und der Sperrstunde.

 

Ernst Knauff: »Hauptsächlich wegen der Sperrstunde! In den 60er Jahren hatte Otto Waldmann auf der Leopoldstraße ein Schwabinger Lokal, dass er 1972 in „Subway“ umbenannte, weil da gerade die U-Bahn gebaut worden war. Das „Subway“ lief sich irgendwann nach ein paar Jahren tot. Dann hat er es wieder umbenannt, Schwabinger So-und-so. Lief auch nicht. Und dann ist ihm zu Ohren gekommen, dass es da in der Siegesstraße einen Verrückten gibt, das war der Ernst Knauff, der dort ein brechend volles Lokal hatte. Alle meine Läden waren vom ersten Tag an brechend voll – ALLE! Also saß Otto Waldmann eines Tages bei mir im Domicile und bot mir an, ich könnte da rüber wechseln, als sein Partner. Für 300.000,- DM. Ich hab mir das angeschaut, obwohl ich das Lokal ja kannte! Ich bin da oft genug drin gewesen und hab dort auch mal in Aushilfe als Amateur gespielt. Aber ich war natürlich hellauf begeistert – 4 Uhr Polizeistunde! Die 1 Uhr Sperrstunde war immer ein großes Ärgernis. 1 Uhr, wenn’s grad so richtig losging – Ende! Das würde jetzt vorbei sein. Man konnte bis 4 Uhr aufhaben, ohne Ärger zu haben. Ich hab mir das also angeguckt und dann haben wir ein bisschen über Bedingungen gesprochen. Der Anlass für den Umzug war natürlich auch, dass es übersichtlicher war. Aber in erster Linie war es die Polizeistunde bis 4 Uhr. Damals war das eine ganz große Sache. Auf der Leopoldstraße, als Hauptverkehrsstraße, hatten die Lokale bis 4 Uhr offen und in den Nebenstraßen, musste man um 1 Uhr schließen. Das war der Grund.«

 

Ich hatte bis dahin angenommen, das Lokal hätte eine Sondergenehmigung gehabt, erfahre aber nun, dass Lokale auf der Hauptverkehrsstraße generell mit der 4 Uhr Konzession bedacht waren.

 

Ernst Knauff: »Richtig! Übrigens gab es auch in der Innenstadt Lokale bis 4 Uhr. So hat das dann gepasst. Es war im Sommer, als Otto Waldmann bei mir in der Siegesstraße war. Im Oktober haben wir dann umgebaut. Und am 12. Januar 1976, nach knapp 11 Jahren Domicile in der Siegesstraße, auf der Leopoldstraße neu eröffnet.«  

 

Ernst Knauff soll damals kundgetan haben: »Wenn’s nicht klappt, bin ich halt in einem Monat pleite – macht auch nichts. « Ich will von ihm wissen, ob dies tatsächlich zu der Zeit seine Worte waren bzw. ob die Aussage nur so daher gesagt war oder in der Tat seiner inneren Einstellung entsprach.

Ernst Knauff: »Das würde zu mir passen. Aber ob ich das wirklich gesagt habe, weiß ich heute nicht mehr. Man muss natürlich wissen, dass ich da keinerlei Existenzängste hatte. Denn ich hatte ja immer schon einen ausgeprägten Unternehmergeist. Mir war klar, im Falle eines Misserfolges würde mir schon was einfallen.«

 

Als gewiefter Geschäftsmann hatte er also stets Plan B parat. Konkret hieß das bei ihm, er war sich sicher, dass er sich auf seinen Geschäftssinn verlassen konnte. Ein Scheitern des Vorhabens würde bei ihm automatisch eine Alternativlösung hervorrufen, um die Verluste aufzufangen. Ernst Knauff konnte auf seine wirtschaftliche Geistesgegenwärtigkeit bauen. Und im Vordergrund stand eine einzige Motivation. Die lautete, dem Jazz in München weiterhin eine Bühne zu gewähren.       

 

Ernst Knauff: »Es ging darum, dass Live Musik in Schwabing weiter existent blieb. Die Entwicklung, die ich nicht vorausgesehen habe, war, dass sich alles so elektronisch gestaltet. Zu der Zeit war Bebop meine Ambition. Als wir nach dem Krieg auf Partys Dixieland gespielt haben, da haben die Leute Slow Fox oder Walzer verlangt. Sie haben ja damals nichts anderes gekannt. Und als wir dann Dixieland gespielt haben, das war für die Leute schon „extreme Musik“. So war’s halt nach dem Krieg. Es wurde ja von uns ferngehalten. Das war auch für die Musiker damals nicht leicht, weil es keinerlei Material gab. Es gab keine Noten, es gab nichts. Wir haben die Sachen runterkopiert aus dem Radio. Ich kam, wie gesagt, aus Aachen, da gab es nur den BFN (British Forces Network). Und das war eigentlich der Grund, warum ich nach München gegangen bin. Weil hier der AFN (American Fo rces Network) war. An und für sich wollte ich nach Berlin, weil mir das von der Mentalität her, sehr gepasst hätte. Mitte der 50er Jahre. Aber da gab’s die Korea-Kriege und mir war das einfach politisch zu gefährlich. Man wusste nicht, ob der nächste Krieg vor der Tür stand. Da hab ich, eigentlich meiner Mutter zuliebe, auf Berlin verzichtet und bin stattdessen nach München gegangen. Obwohl sie sich da auch mit Händen und Füßen gewehrt hat, weil ich damals in Köln Jura studiert habe. Da war ich nah an Aachen dran, 60 km. Aber der AFN – das war der Grund, warum ich nach München gegangen bin. Ein Freund von mir, der ein Jahr vor mir Abitur gemacht hatte, war nach München gegangen und hatte Maschinenbau studiert. Und der kam immer in den Semesterferien nach Aachen und sagte: „Mensch, komm doch runter. München ist ‘ne tolle Stadt.“ Inzwischen war er Fabrikant, hat auch ein bisschen Gitarre gespielt. Und der hat mich immer nach München gelockt. Also hab ich gesagt: jetzt gehst du da runter, dahin, wo die Musik läuft und dann bin ich ab nach München. Bei uns gab’s ja nur die Duddel-Musik von BFN. So kam ich nach München, das war der Grund! Und nachdem ich mich ortskundig gemacht hatte, ging es immer mehr Richtung Altschwabing.«

 

Ursprünglich hatte Ernst Knauff also Jura studiert. Wieso hat er das fallengelassen?

 

Ernst Knauff: »Ich habe Jura studiert, habe alle Scheine zum ersten Staatsexamen gemacht. Und dann kam mir zu Ohren, dass, wenn man das erste Staatsexamen macht, man während der Referendars-Zeit beim Staat angestellt sein muss. Da hab ich gedacht: das kommt für mich nie in Frage! Damit war’s das. Deswegen habe ich kein Examen gemacht. Und was soll ich auch damit?«

 

Dennoch hat er sich durch sein Jura Studium sehr viel Wissen angeeignet. Waren die juristischen Kenntnisse später in irgendeiner Weise von Nutzen für ihn? Immerhin brauchte er keine fachliche Beratung in juristischen Sachverhalten, in die andere ein Vermögen stecken, um einigermaßen Aufklärung zu erhalten.

 

Ernst Knauff: »Das hat sehr viel geholfen. Weil ich alle meine Verträge selbst gemacht habe.«

 

Wie wir jedoch vernehmen konnten, galt seine eigentliche Passion nicht dem Jura Studium, sondern der Jazz Musik. Außer, dass er sie leidenschaftlich gern hörte, griff Ernst Knauff auch selbst gern mal zum Instrument. Doch ist es gar nicht so einfach, da festzulegen, welches eigentlich sein Instrument war?!

 

Ernst Knauff: »Als 12-Jähriger, gleich nach dem Krieg, habe ich klassisches Klavier gelernt. Und nach zwei Jahren, hab ich gemeint, ich kann alles.« Er lächelt äußerst selbstironisch, bevor er fortfährt. »Ich habe also erst Klavier gespielt und dann hab ich mir ‘ne Gitarre gekauft, weil ich George Freeman toll fand. Dann hab ich als nächstes Chet Baker gehört, da war ich noch in Aachen. Also hab ich mir eine Trompete gekauft. Das ging aber alles nur, weil ich bereits als 12-Jähriger, in kurzen Hosen, mit Musik mein erstes Geld verdient habe. Damals hab ich als Straßenmusiker meine ersten 20 Reichsmark verdient. Da gab’s ja noch keine DM. Und so hat sich das weiterentwickelt. Als ich nach München gekommen bin, war grad die Phase, in der ich Trompete gespielt habe. Da war ich ganz stolz drauf. Ich bin in der „Nachteule“, einem Lokal in der Occamstraße, eingestiegen, erstmal mit der Trompete. Da haben sie mich gleich vom Podium gejagt. Dann hab ich gesagt: „O.K. , dann spiel ich wieder mal Klavier.“ Also hab ich mich ans Klavier gesetzt. Und da haben sie wie verrückt drauf gestanden! So nahm die Entwicklung ihren Lauf. Ich hab dann auch mal gemeint, der Bassist taugt nichts. Daher hab ich in der „Nachteule“ immer wieder mal Bass gespielt. Irgendwann dachte ich: „Der Schlagzeuger ist wahnsinnig schlecht, daher lernst du am besten selbst Schlagzeug.“ Ich hab mir also ein Schlagzeug gekauft und ein Jahr lang hab ich dann auch Schlagzeug gespielt. Hab das aber auch wieder gelassen, aus irgendwelchen Gründen. Ich weiß nicht mehr warum. Und bin dann wieder ans Klavier zurück.«

 

Joe Haider bescheinigte Ernst Knauff in einem Interview, das er in 2016 gab, (anlässlich seines 80. Geburtstages), durchaus anerkennenswerte Bassisten-Qualität: »Für mich war die „Nachteule“ prägend und später dann das „Domicile“. In der „Nachteule“ haben Leute wie Heinz Schellerer gespielt, ein toller Klarinettist, mehr die Dixieland-Richtung. Es gab noch viele andere, die dann wieder verschwunden sind, aber auch Leute wie Ernst Knauff am Bass, der spätere Wirt vom Domicile, gar nicht mal schlecht, manchmal auch Baldur Brockhoff am Klavier, ganz passabel.« (SZ, 12. Januar 2016) 

Die Story, wie Ernst Knauff überhaupt zum Bass kam, eine Geschichte, in die auch der spätere, legendäre Musikkritiker der Süddeutschen Zeitung, Baldur Brockhoff involviert ist, hat Knauff sogleich parat:

  

Ernst Knauff: »Das ist eine unglaubliche Geschichte:  Wir sitzen im Ungererbad. Das ist das öffentliche Freibad in der Ungererstraße. Da sind wir tagsüber hin marschiert und haben unseren Rausch ausgeschlafen. Jedenfalls traf ich dort meinen Freund Peter Wortmann, der noch immer Musikveranstaltungen auf lokaler Jazz Ebene macht. Er und Baldur Brockhoff, der damals Klavier gespielt hat, kamen auf mich zu und fragten: „Mensch, hast du keine Lust, Bass zu lernen? Du kannst mit uns auf Tournee gehen, auf Modenschau-Tournee. Dafür musst du aber Bass spielen.“ Ich antwortete: „Wie kann ich auf Tournee gehen? Wie soll ich das in zwei oder drei Monaten lernen?« Doch die beiden meinten: „Du brauchst nur drei Lieder können.“ Sie mussten damals, in den 50er Jahren, Sängerinnen wie Gitta Lind, Ilse Werner usw. begleiten. Nun ist es so, dass, wenn man Pianist ist, also Klavier spielt, dann ist es leichter ein anderes Instrument zu erlernen, behaupte ich zumindest. Weil man optisch alles vor sich hat und das ganz anders sieht, als wenn einer anfängt, Gitarre oder Bass zu lernen. Das mit dem Bass funktionierte dann sehr schnell bei mir. Aber dieses Niveau damals und heute, kann man auch nicht mehr vergleichen. Damals ging das, da konnte man sich noch so durchschummeln. Heute geht das alles nicht mehr. Heute sind die jungen Leute mit 16 Jahren so fit, dass einem die Augen ausfallen – oder die Ohren abfallen. Das ist so! Na ja, und dann – ich weiß gar nicht, wo ich den Bass her hatte – auf jeden Fall hatte ich plötzlich einen Bass und war dann auch mit den Zweien, Peter Wortmann am Schlagzeug, Baldur Brockhoff am Klavier auf Modenschau-Tournee. Wir hatten noch Gerd Fitz mit dabei, aus der Künstlerfamilie Fitz, der damals als Sänger auftrat. Er hat so Sachen gesungen wie die deutsche Version von „Volare“. Dieses italienische Lied aus den 50er Jahren, damals ein Riesenhit und, ich glaube, die erste italienische Nummer, die zu uns rüber kam. Das Bass spielen war, wie gesagt, kein Problem. Das einzige Problem war die Kraft in den Fingern. Ich bin dann tatsächlich beim Bass geblieben und hab als Bassist zum Schluss auch noch eine große Tournee fürs Goethe Institut gemacht. Unter anderem waren da Don Menza, Schlagzeuger Klaus Weiss und Willi Johanns, der Scat-Sänger, dabei. Die Tournee ging nach Spanien und war sehr gut bezahlt. Das ging einen Monat lang kreuz und quer durch Spanien und Portugal, bis auf die Kanarischen Inseln rüber. Das war 1965, gleichzeitig das letzte Mal, dass ich Bass gespielt habe. Danach habe ich dann das Domicile aufgemacht. NEIN, Moment, falsch, die Tournee war sogar WÄHREND ich das Domicile schon hatte. Das hat sich überschnitten. Am 1. Mai hab ich das Domicile eröffnet und erst im November war die Tournee. Da hab ich mich für einen Monat losgesagt. Aber ich konnte mich auf die, die ich angestellt hatte, vollends verlassen. Die waren gut bezahlt Wenn Leute nichts zu essen haben, dann klauen sie. Also zahle ich sie doch von vorneherein gut. Da brauchen sie nicht klauen. Das ist ein grundsätzlicher kaufmännischer Gedanke und das ist bei mir auch eine Einstellungssache. Wenn die Leute gut sind. Wenn sie natürlich schlecht sind, werden sie rausgeschmissen, das ist klar. Meine Angestellten waren gut, sie wurden von mir gut bezahlt und sind für mich durchs Feuer gegangen.«

 

 

Ernst Knauff ist also regelmäßig in der »Nachteule« aufgetreten. Wie sah’s im Domicile aus – hat er da »nur« als Wirt oder auch als Musiker fungiert? Wir wissen, dass er oft genug persönlich den Zapfhahn betätigt hat, aber hat er selbst auch mal die Saiten gezupft respektive in die Tasten gegriffen?

 

Ernst Knauff: »Ein einziges Mal. Und zwar ist da ein Bassist ausgefallen. Es war ein Berliner Bassist, der spielen sollte. Er hat’s aber nicht geschafft und ist erst einen Tag später angekommen. Da bin ich eingesprungen. Das war gleich zu Anfang, in den ersten Monaten im Domicile in der Siegesstraße.«

 

War es ein wesentlicher Faktor, dass sich die Max-Greger-Band im Domicile künstlerisch austoben konnte? 

 

Ernst Knauff: » Ja, das stimmt! Sehr sogar! Das stimmt und war unheimlich wichtig! Zwar nicht die ganze Band, aber die Musiker von ihm. Das war wirklich ein wesentlicher Punkt. Ich habe 1965 eröffnet und gleich am nächsten Tag war der Pierre Favre da. Die Musiker kamen vorbei. Pierre Favre, Benny Bailey, Don Menza und so weiter. Armin Rusch, der Pianist, war leider nie da. Aber die Jazz begeisterte Crew in der Bigband, die waren alle da und haben dann auch gleich hier gespielt. Ich weiß nicht mehr, gab es damals 20 oder 25 Mark pro Abend. Es hat keinen Eintritt gekostet und so wurde alles aus dem Umsatz finanziert. Und die haben sich da ausgetobt. Das kann man schon sagen, ja! Vor allen Dingen Don Menza. Der hieß, glaub ich, der „Rote Baron“, weil er ansatzmäßig rothaarig war, damals auch einen roten Bart hatte. Ein Sizilianer, das heißt Amerikaner sizilianischer Abstammung. Entsprechend feurig! Es gab genug Ärger mit ihm. Aber der Ärger stand auch dafür, wie er gespielt hat. JA, die haben alle sehr viel zum Erfolg beigetragen. Es war natürlich eine gegenseitige Kooperation. Sie waren froh, dass sie spielen konnten. Die waren sonst den ganzen Tag im Studio. Frustrierend! Das sind Musik-Beamte. Die sitzen da und lachen sich darüber kaputt, was sie dort spielen müssen. Hoch talentierte Musiker wie Benny Bailey oder Don Menza und wie sie alle hießen. Und die waren froh, wenn sie abends richtig loslegen konnten. Sie haben natürlich auch entsprechend einen mitgetrunken, nicht alle, aber doch einige – es war Party!«           

 

 

Wenn ich Sie richtig verstehe, geht es hier um den musikalischen Anspruch. Dass die Musiker im Studio unterfordert waren. Jazz bedeutet natürlich auch immer Freigeist. Bekamen sie im Domicile die Plattform, um dem eigenen Anspruch musikalisch gerecht zu werden?

 

Ernst Knauff: »Im Studio spielen die doch mit Null Engagement. Sie waren bei den Öffentlich-Rechtlichen angestellt. Greger war ja beim ZDF, also bei einer öffentlich-rechtlichen Anstalt. Das sind Musik-Beamte, das ist ein verbeamteter Job. Nichts gegen Beamte, um Gottes Willen, die brauchen wir genauso, wie alles andere. Aber es ist halt ‘ne Einstellungssache. Auf jeden Fall haben sie sehr oft im Domicile gespielt. Sie konnten nicht immer, sie waren ja auch auf Tournee oder hatten irgendwelche Auftritte. Aber trotzdem haben sie sehr viel im Domicile gespielt. Und das hat schon sehr viel geholfen.«

 

In welchem Domicile? Dem in der Siegesstraße oder dem in der Leopoldstraße?

 

Ernst Knauff. »Nur in der Siegesstraße. In der Leopoldstraße nicht mehr. Das ist ja der Unterschied zwischen Siegesstraße Domicile und Leopoldstraße Domicile: die Siegesstraße war das Wohnzimmer und Leopoldstraße war die Präsentierbühne. Da haben fast nur noch Amerikaner gespielt. Also US-Amerikaner, New Yorker.«

 

Natürlich meint Ernst Knauff hierbei in erster Linie, Wahl-New-Yorker. Denn bei seiner ersten Reise in die Staaten, 1968, hat er durchaus auch andere Jazz Metropolen aufgesucht.

 

Ernst Knauff: »Zu Anfang in der Siegesstraße ist Joe Werkmeister zu mir gekommen und hat mich zu der Reise überredet. Das war 1968, da sind wir das erste Mal nach New York, New Orleans, San Francisco, Los Angeles und Las Vegas geflogen. Das war eine dreiwöchige Reise, die 30.000,- DM gekostet hat. Das war ein Heidengeld – da haben Sie schon eine halbe Eigentumswohnung für gekriegt.«

 

Josef Werkmeister, den ich vom Naturell her, ebenso wie Ernst Knauff übrigens auch, als »Typ eigenwillig« einstufen würde, war also die treibende Kraft hinter dem US-Engagement?! Ernst Knauff versucht zu erläutern, was hinter dem Charakter Werkmeister unter anderem steckt.

 

Ernst Knauff: »Wir waren im The International Hotel in Las Vegas, das gibt’s heute nicht mehr. Da saßen wir in der ersten Reihe, direkt vor der Bühne. Auf der Bühne Barbra Streisand, deren Karriere gerade begonnen hatte. Sie trat dort mit einer kleinen Bigband auf. Und wir, wie gesagt, sitzen da in der ersten Reihe. Aber wie hat er das wieder fertig gebracht, mein Freund Werkmeister? Bevor wir überhaupt drinnen waren, hat er einem Platzanweiser schon 10 Dollar in die Hand gedrückt, damit wir vorne Platz nehmen können. Ich wäre da NIE hingekommen! Ich hätte wahrscheinlich hinten in der letzten Reihe gesessen. Er hat das wieder arrangiert, dass wir da vorne waren. Und ich habe dann ein Versprechen eingelöst. Am Vortag waren wir im Hotel Tropicana gewesen, wo ein Jazz Festival stattgefunden hatte. Da waren ja riesige Ballrooms, das kann man sich gar nicht vorstellen. Dort sind großartige Musiker aufgetreten, unter anderem auch Joe Zawinul und „Cannonball“ Adderley. Und Joe Zawinul war Zocker. Ich bin also ins Hotel reingekommen und da waren gleich die Spieltische. Wer sitzt am Spieltisch? Joe Zawinul. Ich habe mich dazugesetzt. Das Festival spielte überhaupt keine Rolle mehr. Joe Zawinul hat gezockt, ist zwischendurch mal runtergegangen, hat den Auftritt gemacht, ist dann wieder zurückgekommen und hat weitergespielt. Ich mit dabei, ich hab Black Jack gespielt und gewonnen. Nun bin ich aber kein Zocker, muss ich sagen. Mich interessiert eine Spielbank normalerweise überhaupt nicht. Aber ich war halt in Las Vegas, da ist das was anderes. Ich hab an dem Abend bestimmt 30.000 Dollar gewonnen. Ich trug damals ein sehr eng anliegendes schwarzes Sakko. Die Taschen waren mit 50 Dollar Chips so voll. Innen drin voll, Außentaschen voll, überall voll. Ich war aufgeputscht, vom ständigen Cola trinken und jeder Menge Zigaretten. Dann kam Joe Werkmeister vom Konzert, was da stattfand. Zwischen halb und um eins nachts kam er bei mir vorbei und sagte nur, dass er jetzt nach Hause gehe. Er ist den ganzen Strip raufgelaufen. Er ist überhaupt viel gelaufen. Immer, weil er ja auch permanent fotografiert hat. Ich war guter Dinge – ich war nicht besoffen, aber angesoffen. Und dann, so gegen zwei Uhr, hab ich mir gesagt: O.K., jetzt ist’s gut, jetzt fahr ich ins Sahara Hotel, wo wir gewohnt haben. Joe Werkmeister war ja schon vorgegangen. Es war im August, als ich aus dem Tropicana Hotel herauskam, in die Hitze der Nacht. Es waren bestimmt 45/50 Grad. Ich bin mit dem air-conditioned Taxi ins Hotel Sahara. Dort angekommen, wieder raus in die Hitze und da dachte ich: Na ja, einer geht noch. Also setzte ich mich an die Bar und wie’s der Teufel so will, die Sakkotaschen voll – es muss eine Summe zwischen 30.000 und 50.000 Dollar gewesen sein. Knüppeldicke. Überall. Wohin man guckte: vollgestopft. Ich wusste nicht, wohin damit. Also hab ich mich dort ins Casino gesetzt und hab weitergespielt. Als ich da anfing, war‘s schon drei Uhr. Ich hab dann gar nicht mehr gemerkt, wie die Zeit verging, wie das halt immer so ist. Morgens um halb acht kam dann Joe Werkmeister zufällig vorbei. Er wollte an den Swimming Pool. Joe hatte ja gesehen, wie ich in der Nacht die Taschen voll hatte. Also sagte ich zu ihm: Joe, es ist leider alles weg. Pech! Ich hab jetzt hier noch 50 oder 100 Dollar und da gewinn ich jetzt noch 200 Dollar mit und wenn ich die gewonnen habe, lade ich dich heute Abend ins International ein. Und das hab ich gemacht. Ich bin an den Spieltisch und hab die 200 Dollar gewonnen. Dann bin ich aufgestanden und gegangen.«

 

Ernst Knauff weiß, dass auch Leute, die erzählen, dass sie einmal die Casino Bank gesprengt haben, nicht gegenrechnen, wie viel sie im Gegenzug über Jahrzehnte hingetragen haben. Wirklich gewinnen, kann man da nicht.   

 

Ernst Knauff: Die Leute reden immer nur, was sie gewonnen haben. Die sagen aber nie, was sie verloren haben.

 

Ernst Knauff war dann noch ein paar Mal in Las Vegas und wartet mit einigen anderen Zocker-Stories auf, aber ich denke, wir belassen es an dieser Stelle dabei, da die eben erzählte doch recht repräsentativ für weitere Geschichten aus der Welt des Spielcasinos ist. Hat man eine Vegas-Story gehört, kennt man alle.  

 

Zurück nach München, zurück ins Domicile.

 

Ernst Knauff: »Im Domicile war immer Party angesagt. Wie gesagt, das Domicile in der Siegesstraße war eher Wohnzimmer und in der Leopoldstraße, wo die Bühne doppelt so groß war, konnte man Bigbands natürlich richtig toll präsentieren. Wobei Thad Jones/Mel Lewis auch schon in der Siegesstraße gespielt haben. Das erste Mal. Und für meine Begriffe sogar mit der beste Auftritt. Aber die haben immer gut gespielt – was soll ich da sagen. Die waren immer großartig!«

 

Ernst Knauff hat die Weltstars der damaligen Jazz Szene nach München geholt. Wie war die Zusammenarbeit? Ist bei den Auftritten immer alles glatt gegangen, sprich war es ein Selbstläufer, sobald die Musiker die Bühne betraten?

 

Knauff gibt reflexartig etwa ein Dutzend »Neins« von sich. Da ist alles dabei, von »Nee, nee, nee« bis »Na!« über »Haha« bis hin zum entschiedenen »Nein, nein!«

 

Ernst Knauff: »Das gab’s jede Menge Ärger. Vielleicht nicht jede Menge, aber man musste immer auf der Hut sein! Zum Beispiel, weil der eine oder andere nicht auftauchte oder kurzfristig und zwar meistens sehr kurzfristig absagte. Man musste immer vorbereitet sein, Ersatz zu schaffen. Und so weiter. Ja, gut, aber das gehört wohl dazu und im Grunde genommen war schon soweit alles o.k.«

 

Und wie verhielt es sich mit der Geräuschkulisse? In einem Lokal mit Trinken und Live-Musik – widmen sich Besucher eher ihren Gesprächen oder konzentrieren sie sich auf das, was auf der Bühne stattfindet? Vor allem berauschen sie sich vorzugsweise an den Getränken oder tatsächlich in erster Linie an der Musik?

 

Ernst Knauff: »Das kommt auf das Niveau der Musik an! Wenn die Musik so aufregend ist, dass man zuhören muss, praktisch gezwungen wird, zuzuhören, dann hören die Leute auch zu. Aber es wird auch sehr viel gequatscht. Und einige sind immer dabei, die nicht wegen der Musik in das Lokal gehen, sondern eigentlich nur um Leute zu treffen. So wie ich das selber mit der Unterfahrt handhabe. Wenn ich da heute hingehen würde, dann nur um Leute zu treffen.«

 

Trotz der Hochkaräter, die extra aus den Staaten eingeflogen wurden?

 

Ernst Knauff: »Es gibt immer welche, die interessiert das nicht.«

 

Aber gab es nicht noch einen Nebenraum, für die, die nur zum Reden kamen?

 

Ernst Knauff: »Das war im Domicile in der Siegesstraße. Da war das Lokal und neben der Bar ging es in einen Nebenraum, das heißt in einen Nebenabschnitt hinein. Der führte auch gleichzeitig auf die Toiletten. Und in diesem Nebenschlauch, sag ich jetzt mal, da standen Leute und die haben nur Geschäfte ausgehandelt. Das Domicile in der Siegesstraße und auch das neue auf der Leopoldstraße, die fungierten beide als Börse für Musiker. Da wurden Studiojobs ausgehandelt. Damals gab’s ja noch jede Menge Studios. In jedem Schlafzimmer haben die heute ihr Studio, das geht ja jetzt alles elektronisch. Deswegen gibt es nur noch so wenig Studios, die haben alle zugemacht. Aber zu der Zeit gab es viele Studios und hier trafen sich die Leute. Man hat sich gesagt: fahr ins Domicile, da kannst du genug Musiker treffen. Die wurden für den nächsten Tag engagiert. Und so war das eine richtige Jobbörse.«

 

Abgesehen von den US-amerikanischen sowie europäischen Jazzgrößen, traten auch etliche einheimische Musiker im Domicile auf, die es international zu Ruhm und Ehren geschafft haben. Der in Darmstadt geborene Joe Haider, der heute in der Schweiz lebt, war jahrelang fester Bestandteil des Domicile. Oder Klaus Doldinger, der immer wieder betont, welche Freude es war, im Domicile zu spielen.

 

Ernst Knauff: »Ja, Klaus Doldinger kam aus Düsseldorf nach München. Das war 1968. Und hier hat er dann in Icking gewohnt bzw. wohnt immer noch da. Guter Mann, sehr bodenständig. Äußerst angenehm in der Zusammenarbeit. Hat sich wirklich seine Karriere verdient.«

 

Welche Erinnerungen verbinden Sie generell mit Ihren damaligen Stars?

 

Ernst Knauff: »Allgemein sind Musiker immer Egoisten. Und sie sind Selbstdarsteller. Das müssen sie sein! Nicht Schauspieler, aber Selbstdarsteller. Wenn sie das in ihrem Job nicht sind, dann haben sie keine Chance. Und es ist immer dasselbe: jeder Musiker denkt, er ist der Größte und will für sich die höchste Gage haben, die es überhaupt gibt. Und diesen Streit gibt’s immer. Hat es immer gegeben und wird es auch ewig geben. Die eine Seite will möglichst viel haben, die andere will möglichst wenig zahlen. Und wenn dann Musiker noch ein volles Lokal sehen, dann drehen die durch. Das ist so! Sie wissen aber nicht, was hinter dem ganzen Apparat steht. Können sie nicht wissen, weil sie eben nicht realistisch, d.h. kaufmännisch denken können. Nur, wenn’s ums Kassieren geht, können sie unheimlich realistisch denken. Das war der hauptsächliche Streit. Vielleicht nicht unbedingt ein Streit, eher eine Diskussion, die sich durchgezogen hat, vom ersten bis zum letzten Tag, an dem ich das Domicile betrieben habe. Es ging bei Musikern immer um Gagen. Nur einmal, da begegnete ich einer sehr guten Einstellung. Es war eine amerikanische Organistin, die hieß Shirley, Nachname weiß ich nicht mehr. Ich habe sie in New York getroffen. Sie sagte, sie habe vom Domicile gehört und fragte, ob sie da spielen könne. Ich antwortete: Ja, wenn sie nach Europa komme, könnte sie bei mir spielen. Daraufhin hat sie nicht wie üblich über Gagen geredet, sondern sie hat als erstes gefragt: Wie groß ist deine Raumkapazität? Wie viel Leute gehen rein? Und danach hat sich das gerichtet. Die „großkotzigen“ Amis, behaupte ich jetzt mal, die nach Europa kamen, die hat das nicht interessiert, ob ich 10 oder 5.000 Leute als Gäste habe. Die haben nur gesagt: ich möchte dieses und jenes Geld. Die hat das überhaupt nicht interessiert, ob die damals im Deutschen Museum gespielt haben oder in einem 100 Personen fassenden Jazz Club. Mit Stehplätzen und natürlich illegal. Die Lokale sind ja manchmal so unverantwortlich überfüllt. In Amerika steht an jedem, aber auch wirklich an JEDEM Lokal, wie viel Leute rein dürfen. „Kapazität: soundso viel.“ Komisch, dass sie das in Deutschland noch nicht eingeführt haben. Also, bei mir war’s so brechend voll, ich bin ständig mit einem Bein im Gefängnis gestanden. Im Domicile in der Leopoldstraße waren unten im Keller bestimmt 300 Leute und weitere 50 saßen noch die Treppe hoch. Im Nachhinein weiß ich, wie gefährlich das war. Damals bin ich mir darüber nie im Klaren gewesen, aber die Leute sind drin gestanden, wie in einem Heringsfass. Das war im Grunde genommen unverantwortlich! Wenn da was passiert wäre, weiß man nicht, wie das geendet hätte. Aber es war nötig, um das Geld reinzuspielen.«   

 

 

Kaufmännisch versiert, scheinen Sie finanziell immer auf der Erfolgsschiene gefahren zu sein. Anfang der 1980er Jahre haben Sie ja auch prozessiert, um Steuererleichterungen zu bewirken bzw. Abgaben komplett zu eliminieren. Worum ging es da?

 

Ernst Knauff: »Ich habe da wegen der Vergnügungssteuer prozessiert. 1980 hab ich die abgeschafft, über einen Prozess gegen den Freistaat. Die Vergnügungssteuer war eine Landessteuer und das waren 25% vom Eintritt. Das müssen Sie sich mal vorstellen! Und weil bei mir vorwiegend Ausländer gespielt haben, kam obendrein noch die Ausländersteuer dazu, auch etwa 10 bis 15 %. Das war ein ewiges hin und her. Auch wegen der EU-Gründung und so weiter. Da fängt man dann schon an, zu überlegen. Ich habe gegen das Land Bayern prozessiert und nachdem man sich nicht mehr wehren konnte, ist die Vergnügungssteuer dann abgeschafft worden. Man hatte damals ja auch eine Initiative gegründet: Willi Schwab war der erste Vorsitzende, einer von der Lach- und Schießgesellschafft der zweite und ein Gitarrist, der Name fällt mir nicht mehr ein, war der dritte Vorsitzende. Es fing damit an, dass Franz Josef Strauß Stammgast bei seinem Spezl Süßmeier war. Und dann hat er die Getränkesteuer abgeschafft. Damals gab’s ja noch die Getränke-Steuer. Und im Rahmen dieser Steuerbereiche wurde dann auch noch die Vergnügungssteuer abgeschafft. Damit war der Prozess erledigt. Dann kam es noch zu einer Verhandlung, weil ich noch Geld zurück haben wollte. Doch die Richterin hat nur gesagt: „Herr Knauff, was wollen Sie eigentlich? Die Vergnügungssteuer ist abgeschafft!“ Es ging mir aber auch um die bis dahin geflossene Vergnügungssteuer, die war weg. Das waren ja auch zig Tausend Mark damals. Ich hatte einen Hausanwalt, Alfred Meier. Ein exzellenter Bassist und ein sehr guter Anwalt. Der hat sehr viel für mich gemacht. Unter anderem hat er mich auch da vertreten. Aber natürlich hat es für mich den Nachteil gehabt, dass er immer von mir bezahlt wurde, egal ob ich verliere oder gewinne. Denn der Anwalt verdient immer, unabhängig vom Prozessausgang. Und deswegen wollte er natürlich jedes Mal in Berufung gehen. Beispielsweise habe ich auch mal wegen der Ausländersteuer prozessiert, aber gleich in der ersten Instanz verloren. Und da wollte ich die Finger von lassen. Er wollte aber unbedingt, dass ich in die zweite Instanz gehe. Klar, ich stand immer im Feuilleton der Zeitungen. Und der Anwalt hat gemeint, wir wüssten zwar, dass wir den Prozess verlieren, aber wir wollten die Präsenz in der Zeitung haben. Das hieß ja unheimlich viel Publicity, über das Feuilleton hinaus. Deswegen hat er vorgeschlagen, in die Berufung zu gehen. Er wär ja in jedem Fall auf seine Kosten gekommen. Doch ich habe gedacht. „Du bist verrückt. Das kann ich nicht mehr verantworten. Da stehst du auf verlorenem Posten. Du kommst doch gegen den Staat nicht an.“ Die nächst höhere Instanz, da hätte ich gegen den Staat antreten müssen – nee, nicht mit mir.«

 

Was war für Ernst Knauff das einschneidendste Erlebnis im Zusammenhang mit dem Domicile? Sicher ist der Umzug von der Siegesstraße in die Leopoldstraße, mit der 4 Uhr Konzession von gravierender Bedeutung gewesen. Aber was gab es sonst noch für Ereignisse, die ihm in massiv bleibender Erinnerung sind? Was ist ihm am nachhaltigsten in Erinnerung geblieben?

 

Ernst Knauff: »Der Abbrand des alten Domicile. Nach dem Brand haben wir für die Zeit des Wiederaufbaus eine Bar in der Kurfürstenstraße gemietet. Da gab es die Kneipe „Chez Margot“ und die hatte einen Nebenraum mit Bar. Das Domicile wurde ja 2 bis 3 Monate lang umgebaut, also wieder hergerichtet und renoviert. Und damit das Stammpublikum in dieser Zeit eine Heimat hatte, haben wir die kleine Bar angemietet. Ohne Musik, nur einfach so, zum Trinken, zum geselligen Beisammensein und so weiter. Das „Chez Margot“ machte auch um 1 Uhr zu. Nach eins sind wir dann alle von der Kurfürstenstraße aus in den „Alten Simpl“ gegangen. Im „Alten Simpl“ traf man jede Menge Jungfilmer, Grafiker, Karikaturisten usw. Leute, die früher auch alle im Domicile verkehrt sind. Die Betreiberin des „Alten Simpl“ war Toni Netzle. Und sie hatten ein wirklich erstklassiges Kabarett. Vorne stand dann noch so ein Promi-Tisch, an den ich oft gebeten wurde. Aber das ist nichts für mich. Ich bin Barsteher. Meine Reaktion war immer, dass ich abgelehnt habe, denn ich wollte mit den Prominenten nichts zu tun haben. Das waren sehr hochrangige Leute. Aber was muss ich mir deren Selbstdarstellung anhören. Da steh ich lieber an der Bar und rede übers Leben. Aber es war ein sehr guter Laden, ein sehr guter „Hang-out Place“, wie man heute so schön sagt.«

 

Und so kann man mit Fug und Recht behaupten, dass der ehemalige Domicile-Wirt Ernst Knauff nicht nur seine eigene Meinung vertritt, sondern das Leben auch aus seiner ganz persönlichen Perspektive betrachtet. In seinem Fall ist es wohl nicht verkehrt von der »Tresen-Perspektive« zu sprechen.   

 

                                                                                                                                                                  © Julie Nezami-Tavi

 

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