M.O.D.Esencia de BOLERO

 

 

 

Historia de un Amor

 

 

Obwohl ich den Charakter des Mainstream-Artikels als o.k. befinde und auch absolut respektiere, muss ich mich stilistisch ja nicht gleich anpassen. Meine treuen Leser wissen, dass ich stets meinen eigenen Stil pflege – und über die Resonanz kann ich auch nicht wirklich klagen. Klar, mein Komma-Anarchismus ist frappant …, aber vor allem meinem Studium in England geschuldet. Und auch sonst fröne ich meinen stilistischen Eigenheiten.

 

Auch der Widerspruch ist mir nicht fremd. Ergo: da ich mich einerseits krampfhaft an Traditionen klammere, andererseits gerne ungewöhnliche Pfade beschreite, starte ich bei folgendem Artikel erst mal mit dem Nachwort. Das Nachwort ist aber auch eine Geschichte für sich … puuh!

 

Nachwort:

Man glaubt es nicht, wie kurios der Zufall sein kann! Und das andere, was man nicht fassen mag, ist der Mangel an Pragmatismus, den ich aufweise.

 

Nachdem ich mich für diese CD-Rezension tagelang durch die Textinhalte „gequält“ habe, – Moment!! „Gequält“ nur deshalb, weil ich der spanischen Sprache nicht mächtig bin – nachdem ich also, mit Wörterbuch und Grammatik gerüstet, versucht habe, die Inhalte zu verstehen, ERST DANACH, nach all der Mühe, kam auch ich endlich mal auf die Idee, zu recherchieren, ob eventuell bereits vorhandene Liedübersetzungen zu finden seien. Nachdem ich also einmal mehr meine rasante Spontanität bewiesen hatte, fing ich mit der Suche an.

 

Und auf was stieß ich als erstes: die Übersetzung von „Piel Canela“ und „El Dia Que Me Quieras“. Durch puren Zufall blitzte mir auch der Name einer der Übersetzer(innen) ins Auge.

 

Als ich dann aus meiner Ohnmacht wieder erwachte und realisierte, dass ich vom Stuhl gefallen war, rieb ich mir erstmal die schmerzenden Knie … Nein, Quatsch, ich bin nicht ohnmächtig geworden. Das Bewusstsein habe ich nicht verloren, aber in der Tat die Fassung. Im metaphorischen Sinne hat es mich wirklich umgehauen. Ich war komplett sprachlos und rieb mir die Augen (obwohl man das momentan ja nicht tun sollte. Aber ich hatte mir vorher die Hände gewaschen). Sekundenlang starrte ich fassungslos auf den Namen: Es war MEINER !

 

www.musica-starnberg.de/archiv_2010.html?file=tl_files/...

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16. Mai 2010 – Liedtexte. Übersetzungen: Elaine Ortíz-Arandes, Julie Nezami-Tavi. 1 - PIEL CANELA | BOBBY CAPO | PUERTO RICO ...

 

Ich war nicht nur fassungslos, weil es meiner Erinnerung komplett entschwunden war. Zu meiner Verteidigung: ich habe auf so vielen künstlerischen Gebieten gewirkt – das reicht für drei Leben! Da kann einem schon mal was durchflutschen. Obgleich, jetzt, wo ich drüber nachdenke: ich habe erst letzten Dezember eine Anfrage aus Wien erhalten, ob eine Übersetzung von Elaine und mir genutzt werden dürfte… Trotzdem war es aus meinem Gedächtnis irgendwie ausradiert.

 

Aber das, was mich eigentlich vollkommen perplex zurückließ, war die Tatsache, dass ich lateinamerikanische Lieder übersetzt haben soll, obwohl ich in der Tat kein Spanisch kann. Na gut, „Gracias“ verstehe ich – aber dann ist bereits das Ende der spanischsprachlichen Fahnenstange erreicht.

 

O.k., die vollständige Erinnerung kam dann doch zurück: Elaine (Opernsängerin aus Puerto Rico) machte sich stets die Mühe, bei ihren Konzerten und Liederabenden, die jeweiligen Übersetzungen ins Programmheft zu setzen. Unter anderem für ihr Konzert „Stimmen der Seele Lateinamerikas“. Elaine übersetzte also vom Spanischen ins Deutsche und bat mich, daraus die Lyrics zu formulieren, so dass es auch in der deutschen Übersetzung die poetische Ausdruckskraft besäße. Gott, was hab ich nicht schon alles gemacht … Und irgendwie fügt sich alles immer wieder zusammen. Verblüffend!

 

 

An dieser Stelle endet das Nachwort. Hier erst – ja, ich weiß, ich habe Sie warten lassen, aber ich hoffe doch, in kurzweiliger Manier – beginnt der eigentliche Artikel. Nun also endlich zum Thema: „Esencia De Bolero. Historia de un Amor“ – die neue CD von Lipa Majstrovic.

 

 

Dass ich ein Faible für lateinamerikanische Musik habe, ist bekannt. Spätestens seit ich in den Genuss kam, nach eigenem Konzept wohlgemerkt, einige Konzerte dieser Art erfolgreich auf die Bühne zu bringen. Deshalb war es mir eine besondere Freude, die neue CD von Lipa Majstrovic auf mich wirken zu lassen. 

 

Wenn man Lipa Majstrovics Sangeskunst hört, ist man erstmal sprachlos, mit welcher Leichtigkeit sie solch großartige Phrasierungen darbietet. Es gelingt ihr, die Tonsprache so effektvoll zu justieren, dass diese in einer natürlich warmen Klangfarbenästhetik resultiert, die ihresgleichen sucht.

 

Auf ihrer neuen CD „Esencia De Bolero. Historia de un Amor“ präsentiert Lipa Majstrovic eine gelungene Auswahl wunderschöner Lieder, die den urbanen Sound lateinamerikanischer Volkskultur umarmt.

 

Mit gehöriger Neugierde lauert man gespannt darauf, wie sie diese Liedperlen umgesetzt hat. Und obwohl die Erwartungshaltung bereits von Haus aus hoch ist und eine Steigerung kaum möglich scheint, wird man nochmal um ein vielfach Begeisterndes überrascht. 

 

Der Albumtitel „Esencia De Bolero“ verweist darauf, dass sich Lipa Majstrovic und Tizian Jost, dem essentiellen Charakter des Musikstils „Bolero“ widmen.

 

Wenn man über „Bolero“ sinniert, denkt man zuerst an Ravel oder Chopin. So mancher mag bei dem Begriff „Bolero“ auch „Escamillos“ Jäckchen vor Augen haben (aus Bizets „Carmen“). Aber in erster Linie ist der Bolero zum einen ein lateinamerikanischer Tanz, zum anderen ein Musikstil, der über eigene Rhythmen verfügt, dabei typische Akzentmuster hinsichtlich Takt und Metrum verrät, sowie unterschiedliche Tempi aufweist. Und der Bolero zeichnet sich durch romantische, mitunter sentimentale Lyrik aus, die an vorderster Front die „Liebe“ thematisiert. Die ganze Palette, die das Thema zu bieten hat, findet sich in der Liebeslyrik des Boleros wieder: Leidenschaft, Verführung, Erotik, Eifersucht, Desillusionierung, Vorwürfe, Drama, Verlangen, Betrug, Melancholie, Streit, Hoffnung, Versöhnung … Und was vor allem auffällt, Liebe bedeutet im lyrischen Ausdruck des Boleros vor allem eines: hundertprozentige Hingabe und absolute Kompromisslosigkeit.

 

Und da wir gerade beim Thema „Liebe“ sind – auch der Untertitel … - wobei bei näherem Hinsehen der Eindruck entsteht, dass es sich hier nicht um einen Untertitel, sondern eher um einen zweiten Haupttitel handelt und beide in absoluter Gleichberechtigung zueinander stehen. „Historia de un Amor“ (der gleichnamige Song stammt von Carlos Eleta Almarán und ist natürlich nicht zufällig ebenfalls auf der CD zu finden) lässt auf verschiedene Einsichten schließen. Besagter zweiter Titel reflektiert zweifellos die Geschichte einer Liebe oder auch grundlegende Gedanken zur Geschichte der Liebe generell. 

 

Im Wesentlichen kann man das Album sowohl als Auseinandersetzung mit der musikalischen Stilrichtung des Boleros als auch als Reflexion der Geschichte der Liebe ansehen. Wobei die „Geschichte“ dann nicht nur eine geschichtliche Abhandlung darstellt, sondern auch das „Jetzt“ umfasst. Denn Liebe ist immer präsent, egal zu welchen Zeiten. Ganz zweifelsohne leben wir in Zeiten, in denen wir kritischer denn je sein sollten. Mehr Dinge zu hinterfragen, ist dabei essentiell. Wir leben in einer offensichtlich schwierigen Welt. Aber genau in solchen Zeiten können wir das meiste lernen, wenn wir uns offen begegnen. [Geistige Nähe, NICHT räumliche!!! (Verweis aus aktuellem Anlass).] Und dass uns dabei sowohl die Sprache der Musik als auch die Auseinandersetzung mit Liebe den größtmöglichen Dienst erweisen, sollte außer Frage stehen.  

 

Tief in die Musik ihrer Muttersprache eingetaucht, gelingt Lipa Majstrovic eine gediegene Mixtur aus rhythmischer Intensität und einer melodischen Prachtpalette voller Emotionen und Harmonieerrungenschaften.

 

Beim Anhören des Albums, ist intuitives Einfühlungsvermögen der erste Eindruck, dem man sich nicht erwehren kann. Und so ganz nebenbei sieht man sich auch noch dem intensiven Gefühl ausgesetzt, aus Zeit und Raum herausgezogen zu werden. Die verschiedensten Lebensgefühle wie Freude, Melancholie, Neugier, Lebenshunger und Hoffnung treffen immer wieder aufeinander, vermischen sich zu Geschichten mit offenem Ende. Mit genügend Spielraum für den Zuhörer auch die eigene Vorstellungskraft zu nutzen.

 

Großes Lob auch für den Pianisten, Tizian Jost. Die Möglichkeiten am Klavier sind ja unbegrenzt, das Repertoire ist so gesehen endlos. Es scheint, dass ein Leben einfach nicht ausreicht, um alle Möglichkeiten an diesem Instrument auszuschöpfen. Das klingt auf den ersten Blick wie eine traurige Tatsache, ist andererseits aber auch ein unheimlich schöner Gedanke, denn letztendlich ist es das Streben nach Erschließung eines immer weitreichenderen Repertoires, das die Musik so lebendig macht.  

 

Tizian Jost erweist sich als ausgesprochen kompetenter und höchst zuverlässiger Begleiter. Seine brillanten musikalischen Fähigkeiten ermöglichen es ihm, in idealer Übereinstimmung mit der Sängerin zu agieren, was in einer extrem harmonischen und wertvollen Zusammenarbeit resultiert.

 

Die Harmonie stimmt auch im Mentalitätsbewusstsein der beiden Künstler. Lipa Majstrovic, Tochter einer Spanierin, ist mit dem Spanischen als Muttersprache mehr als vertraut.  Und obwohl Tizian Jost weder spanische noch lateinamerikanische Wurzeln aufweist, offenbart er eine Art musikalische Mentalitätszugehörigkeit, die er in eine vertrauensgeballte Verständigung einfließen lässt. Somit findet das Zusammenspiel unzweifelhaft auf einer musikalischen Wellenlänge statt.

Und so vermag es Tizian Jost in herausragender Weise, die Solistin auf höchstem Niveau zu begleiten. Der Pianist achtet in äußerstem Maße auf die rhythmische Präzision, greift dennoch voll mitreißender Verve in die Tastatur und präsentiert so die Musikalität, die den Klängen ihre Authentizität verleiht.

  

Es scheint, als haben Lipa Majstrovic und Tizian Jost ihr eigenes akustisches Universum gegründet.

Ausschlaggebend dafür, dass es Lipa Majstrovic auf ihrer CD „Esencia De Bolero. Historia de un Amor“ so mühelos gelingt, den Spirit der Lieder zu transportieren, ist natürlich die Tatsache, dass sie über eine Stimme mit extrem berührender Klangfarbe verfügt.

 

Nichtsdestotrotz: es ist eine Sache, über eine schöne Stimme zu verfügen. Um jedoch die vielseitigen Klänge, die zahlreichen Schattierungen, die intensiven Details, die treffsicheren Phrasierungen, die Flexibilität kunstvoller musikalischer Kapriolen, die Lipa Majstrovic ihrer Stimme entlockt, bewerkstelligen zu können, bedarf es nicht nur einer großartigen Stimme, sondern auch einer erstklassigen Ausbildung und unaufhörlichem Training. Dass Lipa zudem über ein phänomenal kraftvolles und zugleich sensibles Stimmvolumen verfügt, deren Spektrum nicht auf einzelne Fachrichtungen beschränkt bleibt, hilft freilich ungemein.

 

Und es gibt noch eine Besonderheit: in der Regel unterscheiden wir ja zwischen Kopfstimme und Bruststimme. Lipa fügt den beiden jedoch noch ein Gesangsregister hinzu: ihre Stimme kommt zudem vom Herzen. Das Herz als stimmlicher Resonanzraum. Sie meinen, das sei biologisch nicht möglich? Dann hören Sie sich die CD „Esencia De Bolero. Historia de un Amor“ an! 

 

Die Attraktion dieser CD liegt tatsächlich auch darin, die Erfahrung zu schaffen, die keine Angst davor hat, von Herzen kommend zu sein. Für die Zuhörer begibt sich die Sängerin tief hinein, in Kulturgut und Tradition, frei von Zynismus, fokussiert und aus dem reinen Gefühl heraus. Und es scheint sie nicht die geringste Mühe zu kosten. Es steckt in ihrem Naturell.

 

Dabei proklamiert sie auch noch die bislang unentdeckte Verwandtschaft zwischen „traditionell“ und „zeitlos“. Dass es sich hier um ungleiche Geschwister handelt, ist eine weitere Entdeckung, die man beim Anhören der CD machen kann. Und, dass die Verwandtschaft fast formvollendete Charaktereigenschaften haben mag, springt einem dabei regelrecht ins Auge, - Verzeihung – in dem Fall: ins Ohr.

 

Was ihre Einzigartigkeit obendrein unterstreicht, ist das Merkmal, dass sie offensichtlich keinen Einflüssen unterliegt. Sie schafft ihre eigenen.

 

Bei allen Songs auf dieser CD präsentiert sie ausnahmslos eine raffinierte Verquickung verschiedener rhythmischer Schichten, die in farbenreichen Metaphern münden und so den Sehnsuchtsbegriff surreal werden lassen. Beim Zusammenspiel zwischen Akkorden und Klängen, fließen die Töne rund und sanft ineinander über. Es scheint, als habe Lipa den Sound in ihr ureigenes Ding umgewandelt. Dadurch entsteht eine nahezu unerschütterliche Präsenz von Authentizität, die sie in volkstümliches Kulturgut eintaucht. 

 

Wir sind also im Genre „Latin“ und hören speziell den Style „Bolero“ (Vocal). Werfen wir einen näheren Blick auf die 13 einzelnen Songs. Es fällt auf, dass es eine große Bandbreite sowohl an lyrischen wie auch an musikalischen Stimmungen gibt, derer sich die Liedschöpfer bedienen. Gleichzeitig muss man überrascht feststellen, dass die beiden Protagonisten, Musik und Text, in ihren Stimmungsvarianten nicht zwangsläufig bei jedem Song konform gehen. Im Gegenteil, häufig ruft der Textinhalt eine ganz andere Stimmungsgrundlage hervor, als dies die musikalische Wirkung vermag. Faszinierend! Und rar – wie das bei einem wertvollen Schatz eben auch der Fall ist.

 

Der häufig anzutreffende Gegensatz im Grundton der Stimmung zwischen Textinhalt und Musik, macht tatsächlich Sinn(!!) und lässt sich am besten so erklären: der Text umschreibt die Schwermut, die Musik entspricht der Medizin. Die Musik zu hören, ist, wie wenn man ein Antidepressivum in Form von musikalischer Schönheit einnimmt.

 

Gehen wir die Lieder an. Wobei ich vorweg schicken muss, dass mir die spanische Sprache zwar gut gefällt, meine Kenntnisse diesbezüglich aber eher zu wünschen übrig lassen. Trotzdem habe ich es als wichtig empfunden, mich mit den Texten zu beschäftigen, um in der Rezension der großartigen Qualität dieser CD gerecht zu werden. Also habe ich die Texte studiert und mir den Inhalt erarbeitet – nur so kann man eine artgerechte Rezension abliefern. Allerdings gebe ich keinerlei Gewähr dafür, dass ich alles zu hundert Prozent korrekt verstanden habe. Den Sound habe ich zumindest vollauf verstanden. Was die Texte betrifft, hoffe ich … – wie sagt Bizets „Carmen“ so schön: „Hoffen ist immer schön!“

 

Der erste Titel befasst sich gleich mal mit Angst. Fein, ein Thema, mit dem ich mich richtig gut auskenne!

 

Klar, Liebe und Angst finden sich früher oder später zwangsläufig in einer fast schon harmonischen Kombination zusammen, wenn sie ihre zu erwartende Fusion eingehen. Die beiden Welten sind halt einfach nicht zu trennen. Während sanfte Klänge ja eher beruhigend wirken, erfahren wir, zumindest textlich, wie wilde Melodien eher für innere Unruhe sorgen. Es ist eine Strafe, den Liebsten zu vermissen. Und vom Seelenfrieden hat man sich damit auch schon verabschiedet.

 

Aus musikalischer Sicht muss man vorwegschicken, dass die emotionale Grundlage jeglicher Bolero-Melodie eindeutig die „Sehnsucht“ ist. So auch hier. Zudem erfüllt bereits „Ansiedad“ den Eindruck, dass Text und Melodie in spannendem Kontrast stehen. Der Song beginnt gar nicht „ängstlich“, sondern es wirkt wie ein Anruf. Die Angst wird furchtlos angerufen. Vernachlässigt wird dabei jedoch keineswegs die gefühlvolle und mitunter sinnierende Begleitemotion. In ihrem weiteren Verlauf vermittelt die melodische Stimmung sogar die befremdlich angenehme Wirkung einer gewissen schwungvollen Fröhlichkeit.

 

Lipas Interpretation lässt die Wesensmerkmale verinnerlichen. Wie beinah alle Bolero-Songs thematisiert auch dieser den bedingungslosen Selbstausdruck. Lipa unterstreicht dies durch ihre völlige Hingabe im Moment des Musizierens. Sie gewährt dabei den unverstellten Einblick in das tiefe Erleben des Augenblicks.

 

Ein sehr passendes Liebesthema ist freilich immer auch die Rückkehr. Verbindet man jedoch Rückkehr generell mit einer Art Happy End, so kennt man Carlos Gardels „Volver“ noch nicht. Offenbar vom Elegischen inspiriert, lässt Gardel in seinem Lied in höchstem Maße Gedankentiefe und Bewusstsein entstehen. Ist man zu Anfang noch guter Dinge, da Lichter die Rückkehr markieren, wird man schnell mit den Stunden des Schmerzes konfrontiert. Und man erfährt, warum er die Rückkehr gar nicht wollte. Zurück zur ersten Liebe. 20 Jahre ist’s wohl her. Von gleichgültigen Sternen und vom Spott ist hier die Rede. Und immer wieder von der Angst. Von der Angst vor der Begegnung mit der Vergangenheit.

 

Melodisch wird klar, dass auch dieses Lied etwas zu erzählen hat. Auch hier dominiert die Sehnsucht, allerdings stärker geprägt von einer bestimmenden Entschlossenheit. Lipa transportiert die musikalische Botschaft effektvoll, indem sie die Wesensmerkmale dessen, was den festen Willen ausmacht, gekonnt in ihren Ausdruck einfließen lässt und dabei, wie selbstverständlich, den Klang der Sehnsucht integriert.

 

Schnell erläutert ist der Inhalt des nächsten Songs. Wenn man den Liebsten als einzige Pracht ansieht, wenn man ihn mit Ruhm gleichsetzt, dann gibt es nur ein Resümee: die pure Vergötterung.

 

Sehnsucht, Sehnsucht, Sehnsucht …. – ich kann es nur immer wieder wiederholen. Auch in dieser Melodie ganz stark vertreten. Gelegentlich auch ein wenig Abwägung. Aber es muss ja auch erlaubt sein, hin und wieder abzuwägen, ob ich den Partner nun lieber absolut verehre oder aber eher uneingeschränkt anhimmle. Ein wenig reflektierende Erwägung schadet da nie.

 

Auch hier stellt Lipa Majstrovic wieder unter Beweis, dass sie im Bolero-Sound zuhause ist. Wobei das bei ihr nicht bedeutet, dass sie nicht auch in reichlich anderen Stilrichtungen mehr als genial brilliert. Ihre Stimme verfügt über ein dermaßen breites Spektrum an Klangmöglichkeiten – ich muss mich wiederholen: Virtuosität, die ihresgleichen sucht! Und wie gut sie sich in Klangfarben auszudrücken vermag, beweist sie einmal mehr auf dieser CD.

 

Und während die Interpretin vermutlich im Traum versunken ihren Gedanken nachhängt, muss, darf oder kann auch der großartige Pianist wieder eines seiner zahlreichen Soli präsentieren. Und wieder kann man miterleben, welch genialer Meister der schwarz-weißen Tasten Tizian Jost ist. Mit Kraft und rhythmischer Dynamik sowie viel Liebe zum Detail, beweist er sich als stilsicherer Wanderer auf der Reise durch die musikalischen Stimmungsebenen des Boleros. In dem sehr expressiven Genre präsentiert Tizian Jost ein pianistisches Feuerwerk (übrigens das einzige Feuerwerk, das ich als bekennende Feuerwerksgegnerin befürworte).

 

Im nächsten Song geht es um die Nacht. Zumindest um das, was die Dunkelheit bringt. Herz, Schmerz und der Mond – sie alle wachen in der Nacht. Schnell wird klar, was den Schmerz ausmacht, denn ein Gefühl überwiegt: die Einsamkeit.

Schien die Entschlossenheit zuvor in „Volver“ noch eher verhandelbar, so wird in „Noche de Ronda“ schnell deutlich, dass Nachverhandlungen außer Frage stehen. Lipa bringt, wie in jedem Lied, stimmlich zum Ausdruck, wie die Erläuterung einer Gemütsverfassung zu verstehen ist. Und dann scheinen die Klangfarben zu erklären, was die Entschlossenheit ausgemacht hat. Und obwohl textlich von Dunkelheit, Schmerz und Einsamkeit die Rede ist, stimmt die Melodie in leichtfüßige Kapriolen ein, in die Lipa den Zuhörer gekonnt eintauchen lässt. Und auch hier bildet eine Emotion den Basis-Ton. Ja, Sie werden es ahnen: die Sehnsucht.  

 

Im nächsten Song hat wohl jemand einiges vergessen. In erster Linie hat er vergessen, dass er den anderen liebt, entgegen aller widersprüchlichen Worte. Es wird deutlich, dass es wohl keine schlimmeren Narben gibt, als die auf der Seele. Tja, und dann folgt immer wieder die Erinnerung an den gemeinsamen Pakt. Den Pakt der Liebe und der Verehrung, gleichgültig was das Leben bringt. Doch dann stellt sich heraus, dass der andere wohl nicht die gleichen Gefühle hegt. Er hat den Pakt offensichtlich vergessen. Und so gibt auch die Interpretin mit Wehmut das Versprechen zurück, weil sie weiß, dass dieser Pakt nicht mit Gott ist.

 

Und richtig leichtfüßig wird es erst recht in diesem Sound. Das kecke Hüpfspiel, hin und her zwischen den Akkordkästen, fordert geradezu zum Mitmachen auf. Und wer keine großen Sprünge machen mag, der wippt zumindest unweigerlich mit. Und wieder muss ich betonen, mit welcher Leichtigkeit Lipa Majstrovic derartige Phrasierungen unvergleichbar großartig darbietet.

 

Auch hier die überraschende Erkenntnis, wie die Schwere der Lyrics in harmonischer Eintracht mit der frech-dreisten Leichtfüßigkeit der Musik steht. Und eine weitere überraschende Verwandtschaft springt ins Auge (Verzeihung: ins Ohr). Einige Elemente des Swing im Crossover mit Jazz fügen sich hier nahtlos in den Bolero ein. Hey sisters, hey brothers!

 

Das 1943 entstandene „Nosotros“ (zu Deutsch: „Wir“) wurde bislang von mehr als 400 Solisten interpretiert, u.a. von Jose Feliciano, Placido Domingo, Luis Miguel. Und nun endlich auch von Lipa Majstrovic. In seinem bekanntesten Song beschreibt der Kubaner Pedro Junco Jr. ein furioses Drama. Drastische Tragik in Liedform sozusagen. Es geht natürlich um Liebe, Leidenschaft, Abschied. Wie die Verwerfung der Liebe die Seele zerstört. Seelische Hinrichtung sozusagen, und alles im Namen der Liebe. Das rigorose „Adios“ erfreut sich als Abschluss einer durchaus angemessenen Wirksamkeit.

 

Ich traue es mich kaum zu sagen, aber auch hier herrscht musikalisch eine Stimmung vor: Sehnsucht. Gediegene Sehnsucht! Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer: auch hier trifft Lipa (im wortwörtlichen ebenso wie im übertragenen Sinne) den richtigen Ton.   

 

Es folgt die Huldigung an die schöne Mohnblume, die auch gleichzeitig über die Eigenschaften einer kleinen Diva zu verfügen scheint. Ohne auf einzelne Farben einzugehen, hat man beim Anhören nahezu das Gefühl, eine organische Farbpalette vor dem geistigen Auge zu verspüren. Auch hier spielt das Seelenleben eine Hauptrolle. Die Aufforderung zu lieben, wie die Blume das Tageslicht liebt, lässt ein merkwürdiges Unbehagen verspüren. Denn irgendwie stellt sich doch bald eine gewisse Undankbarkeit ein. Und die Frage: „Wie kannst du so alleine leben?“

 

Hier geht die musikalische Betrachtungsreise tatsächlich erst einmal stimmig mit der gemächlichen Mohnblumenbeobachtung konform. Es wirkt wie eine bedachte Annäherung, wenn sich die Solistin in gemäßigtem Tempo musikalisch darauf zubewegt. Auf ihre einzigartige Weise ergründet Lipa nicht nur das Wesen der Mohnblume, sondern auch die Ebenmäßigkeit farbiger Klanglandschaften. Und wie in so vielen anderen Songs auch, erweist sich Lipa Majstrovic einmal mehr als herausragende Interpretin des Latin Balladenstils.

 

[Beim nächsten Titel hätte ich mir gewünscht, die Erkenntnisse des Nachwortes zu einem früheren Zeitpunkt gehabt zu haben … Aber, der Bedeutung des Begriffs „Nachwort“ entsprechend, hier die Feststellungen, die vorher entstanden sind:]

In diesem Song geht es um zimtfarbene Haut. Erst dachte ich der Titel würde: „Zimt auf ihrer Haut“ lauten. Da kam mir freilich gleich „Salz auf unserer Haut“ in den Sinn, und wie der Roman die heimliche Liebesbeziehung eines ungleichen Paares thematisiert. Ich dachte, „tragische Liebe“, passt doch! Aber nein, im französischen Original hat sich Benoîte Groult eines ganz anderen Titels bedient. Nur das Thema „Liebe“ bleibt als unverwüstliche Konstante beider Titel. Nein, es musste die zimtfarbene Haut sein. Manchmal darf man nicht zu kompliziert denken. Also widmen wir uns dem Inhalt, denn hier ist durchaus umfassendes Vorstellungsvermögen gefragt. Da geht es um gesamtheitliche Vergleiche. Als ich mich mit den universalen Gegenüberstellungen befasse, kommt mir allerdings kurzfristig erst mal ein anderer Vergleich in den Sinn. Schuld daran ist wohl hauptsächlich so manch aktueller Zeitgenosse mit blonder Fönfrisur. Mein Lieblingsphilosoph Albert Einstein brachte es auf den Punkt: „Zwei Dinge sind unendlich. Die menschliche Dummheit und das Universum. Bei letzterem bin ich mir allerdings nicht ganz so sicher.“ Nur gut, dass dem auch einiges an Vernunft gegenübersteht.

 

Daher zurück zum eigentlichen Liedtext. Bei Bobby Capós „Piel Canela“ fällt auf, dass hier in größeren Ausmaßen gedacht wird, als in den anderen Liedern. Zumindest was die Vergleiche innerhalb seiner Gefühlswelt angeht. Da werden schon sehr erdumspannende Metaphern aufgegriffen. Die Unendlichkeit der Sterne oder die Unermesslichkeit des Meeres – dass dies alles irgendwie abhandenkommen kann, erscheint dem Verfasser realer, als, dass die Liebste das Schwarz in den Augen oder die Zimtfarbe ihrer Haut verliert. Und das ist jetzt keine Werbung für gleichmäßig deckendes Bräunungsmittel.

 

Der Song überzeugt mit ganzer Kraft und zeigt sein unbedingtes Dafürhalten, dass es nicht den geringsten Zweifel gibt. Auch die weiteren Beispiele wie der Regenbogen, der eher seine Schönheit verlöre und die Blumen ihr Parfüm und ihre Farbe, zeigen auf, wie ernst es ihm ist. Und dann kommt die eigentliche Klimax seiner Aussage: der Vergleich, der Gänsehaut hervorruft. Seine eigene Traurigkeit hätte nicht dasselbe Volumen, wie der Verlust ihrer Liebe. Und in seiner Verzweiflung schreitet er zum Inbegriff der Selbstlosigkeit. Es geht nur um dich und dich und dich. Nur einer zählt und das bist du und du und du. Na, wenn das nicht die Personifizierung von Altruismus ist, dann weiß ich es nicht. Und ein bisschen hat es auch was von erweiterter Götzenverehrung.

 

Ganz anders der musikalische Eindruck: Am Anfang glaubt man, hier wird erstmal resümiert. Es ist wie ein Fazit ziehen und darüber zu reflektieren. Doch es dauert nicht lange, da wechselt die Stimmung. Und man entdeckt gleich mal eine weitere überraschende Verwandtschaft: hier mischen sich Wesensmerkmale des Bossa Nova mit hinein. Wow, another Brother! Offensichtlich handelt es sich hierbei um eine Großfamilie. Und man muss sagen: die Familienmitglieder ergänzen sich ideal! Lipa ist auch der Bossa Nova Stil geradezu in die Wiege gelegt, oder besser gesagt: er liegt ihr perfekt in der Stimme.

Und auch wenn man einen Moment darüber nachdenkt, in welchem Caterina Valente-Film die Protagonistin ihrem zimthäutigen Partner derart ausgeliefert war, muss man doch betonen: beide Sängerinnen beherrschen den Bossa Nova mit Bravur!

 

Apropos Hörigkeit. Da passt es doch, dass gleich der nächste Song vom Delirium handelt. Erstmal erfährt man von einer gewissen Sprachlosigkeit. Aber nicht etwa, weil derjenige konsterniert ist, ob seiner Liebe. Nein, es gibt einfach nicht ausreichend viele Worte und auch keine Begriffe, die ausdrucksstark genug wären, um die tiefe Intensität seiner Liebe zu beschreiben. Ja, und wenn man mal drin ist, in der Abwärtsspirale, dann ist die Wahrnehmung von Wahn nicht mehr weit. Auch wenn es sich um so etwas Positives wie Liebe handelt, im Zusammenhang mit Wahn ist nichts empfehlenswert. Und wenn die wahnhafte Liebe die Seele umarmt, ist das keine angenehme Liebkosung. Das ist dann mehr die Umklammerung einer gefährlichen Schlingpflanze namens Seelenstörung.

 

Der Songtext klärt dann auch bald auf, wie die Leidenschaft das Herz verfolgt. Tja, und dann zeigt sich wie Leidenschaft Leiden schafft. Selbst in der Freude ist von Traurigkeit die Rede. In dieser Kombination ruft die Freude freilich Freud auf den Plan. Denn, wenn das Leben im anderen eingeschlossen ist und der Geist seinerseits im Delirium festhängt, dann ist das keine gesunde Konstellation mehr.

 

Da erscheint es zumindest beruhigend, dass die Liebe offenbar auf Gegenseitigkeit beruht. Dennoch wird auch hier einmal mehr die hundertprozentige Kompromisslosigkeit in Sachen Hingabe deutlich. Wow!

 

Hier ist wiederum super interessant, welchen musikalischen Effekt die ungewöhnliche Balladenaufteilung hat. Wenn das Piano einsetzt, denkt man erstmal: „Toll, schönes Intro!“ Doch bald stellt man fest, es ist gar kein Intro, es geht weit über ein Intro hinaus. Denn der Instrumentalteil nimmt fast die Hälfte des Songs ein. Was der Stimmung aber keinerlei Abbruch tut. Im Gegenteil. Es intensiviert den textlichen Inhalt, der später folgt. 

 

Dass dies so selbstverständlich gelingt, liegt nicht zuletzt an Tizian Josts behänder Fingerfertigkeit. Für einen grandiosen Pianisten wie Tizian Jost liegt es auf der Hand, das Klavier als Instrument vielschichtiger Ausdrucksmöglichkeiten des musikalischen Spektrums zu begreifen. Und so ist es denn nur natürlich, dass er die Stimmung des Boleros authentisch zu transportieren vermag. Tizian Jost macht dabei deutlich, mit welcher Natürlichkeit sich Klangperfektion am Flügel erreichen lässt.

 

Der Song macht besonders deutlich, wie sehr sich die instrumental bewirkte expressive Kraft mit Lipas stimmlicher Ausdrucksstärke ergänzt.

 

Der zehnte Song auf der CD ist vielleicht der Song, der mit dem wenigsten Pathos auskommt. Fast schon nüchtern analysiert das Vokabular den „Tag, an dem du mich liebst“. Es ist keineswegs so, dass hier kein bildhauerischer Prozess stattfindet. Im Gegenteil, auch hier findet man zahlreiche leidenschaftliche Metapher. Auch hier hochemotional. Dennoch nicht mit so elegischem Gefühl behaftet und daher fast schon mit einer Portion Besonnenheit. Ungewöhnlich in jedem Fall! Und ein sehr gelungener Ausreißer aus dem sonst doch eher dichtbesiedelten Pathos.

 

Wenn vom leisen Murmeln des Seufzens die Rede ist und erläutert wird, was als Quelle dient, erfährt man, was sein wird, am „Tag, an dem du mich liebst“. Natürlich treffen wir auch hier auf die Kombination zwischen dem lachenden Leben und den vorhandenen Wunden, die beruhigt werden wollen. Und selbstverständlich begegnen wir auch hier dem Mysteriösen, diesmal in Form eines Blitzes, der sich in den Haaren einnistet. Vor allem aber sorgt das neugierige Glühwürmchen für das offene Ende und lässt die Frage zu, ob nicht doch Trost vonnöten ist.

 

Wenn auch überschaubar, wirkt der Song musikalisch nach einer leicht verspielten Haltung und verrät ebenso eine wohlbedachte Gewitztheit. Wie eine Erzählung, aus der jeder seine eigenen Schlüsse ziehen kann. Die Erzählerin weiß auf jeden Fall Bescheid.

 

Lipa Majstrovic versteht es, jeden Song durch Ausdruckskraft noch zusätzlich zu bereichern. Sie zeichnet sich auch hier durch das stimmliche Integrieren von Spannung und Charme aus.  

 

Dann kommt der Titelsong. Der CD-Untertitel, der vermutlich gar keiner ist: die Geschichte einer Liebe erzählt wahrlich eine Geschichte. Es ist eine fantastische Idee, gerade diesen Song als zweiten Titel zu verwenden, denn er charakterisiert das Wesen der CD tatsächlich durch und durch, bringt den Inhalt auf den Punkt.

 

Die Klage, dass der Partner nicht mehr an der eigenen Seite ist. Was bleibt ist die Einsamkeit. Die Seele leidet. Und dann die quälende Frage nach dem Warum. „Hat Gott mich dich lieben lassen, um mich mehr leiden zu lassen?“ Wow, das muss sich erst mal setzen. Der Partner als einziger Grund für die eigene Existenz. Wieder diese absolute Kompromisslosigkeit. Die Religion darin zu finden, den Partner anzubeten. In den Küssen die Hitze zu finden, die Liebe und Leidenschaft ausmacht. Man glaubt sofort, dass es die Geschichte einer Liebe ist, wie sie es kein zweites Mal gibt. Auch wenn man das im Grunde genommen in jedem der 13 Songs denkt – es ist immer aufs Neue einzigartig.

 

Überraschenderweise kommt dann auch noch ein bisschen schwarz-weiß-Denken hinzu. Alles gut, alles böse. Wobei, nochmal darüber nachgedacht, kann es gar nicht so überraschend sein. Denn das Vokabular des Boleros weist zwar eine Vielzahl unterschiedlichster Farbtöne auf, aber wenn es um Grauzonen geht, gibt es keine Abstufungen. Volle Farbenpracht, aber keine Grauflächen – nur schwarz oder weiß. Dann ist es auch nicht mehr verwunderlich, dass das Leben in der Geschichte einer Liebe nur eine Farbkonstellation zulässt: Dunkelheit.

 

Hier wird auch musikalisch eine Geschichte erzählt. Und „der gute Ton“, in den die Töne fließen, infiltriert das Merkmal des wohlweislichen Bewusstseins. Es ist das Kennzeichen des Wissenden, im Bilde zu sein. Und die solide Qualität in Lipas Stimme erzeugt die entsprechende Glaubhaftigkeit.

  

Dann folgt „Esta Tarde Vi Llover“ – Ja, o.k, wenn man eher im Englischsprachigen zuhause ist, fällt man sofort drauf rein. Und so dachte ich auf den ersten Blick, dass hier vom Lover, also vom Liebhaber die Rede ist. Oh-oh! Wie kann man nur so leichtfertig schlussfolgern. Wir sind hier natürlich auf spanischen Sprachhoheitsgebiet. Und da regnet es, wenn von „Llover“ gesprochen wird.

 

Dass es geregnet hat, erfährt man gleich zu Beginn. Die Leute sind gerannt, doch der Liebste war nicht dabei. Auch bei diversen anderen Naturbeobachtungen kommt die Solistin zu dem Schluss, dass der Liebste nicht zugegen war. Es geht um die Unsicherheit, wie groß die Liebe eigentlich ist, die einem der Partner entgegenbringt. Denn das Überdimensionale ist nicht leicht erreicht.

 

Der nächste super schöne musikalische Einfall: das Intro dient dazu, den Regen pianistisch tropfen zu lassen. Dazu stimmlich ein paar Klänge, die etwas vom Geheimnisvollen des hawaiianischen Gesangs innehaben, aber auch am Orakelhaften des Massai-Gesangs leichte Anlehnung finden. Es wird gesagt, dass die afroamerikanischen Voodoo-Rhythmen den lateinamerikanischen Bolero beeinflusst hätten. Nun, wenn dem so ist, so könnte das an dieser Stelle belegt werden.   

Aber auch die Balladenklänge zeugen von einem latenten Mysterium. Und vom Interesse, die Rätselhaftigkeit zu genießen. Dabei eine gewisse Verspieltheit an den Tag zu legen. UND, ja, es ist so: immer wieder dieses SEHNSUCHTVOLLE in der Grundstimmung.  

  

Und zum Abschluss geht es um Distanz und Ferne. Und eigentlich um die innere Nähe! Es scheint, als hört die Erde auf, sich zu drehen, sobald der Partner nicht in der Nähe ist. Einmal mehr Vergötterung pur. Übertreibung an der Tagesordnung – und doch glaubhaft vermittelt. Alles, was nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Partner steht, wird automatisch wertlos. Und wenn der Partner nicht da ist, zerstört es die Seele. Untröstlichkeit groß geschrieben.

 

Auch wenn man bei flüchtiger Inaugenscheinnahme annimmt, dass die Textprotagonistin mit dem Partner gemeinsam in der Ferne ist, gewinnt man bei näherem Hinhören den Eindruck, dass sich tatsächlich nur der andere in weiter Ferne befindet, während die Schwermütige selbst nur in Gedanken oder in dem Fall im Herzen beim Partner in der Ferne verweilt.

Beginnt der Song musikalisch mit einem kurzen Hauch von Fernweh, wird schnell klar, die Protagonistin ist angekommen. Angekommen, nicht nur beim letzten Song der CD, sondern bei sich selbst, in ihrer inneren Mitte. Die gediegene Interpretation vermittelt das maßvolle Aufsetzen auf der Erde, die das Zentrum des seelischen Gleichgewichts darstellt. Bodenständig gleitet die Stimme durch die Akkorde, die die behutsame Landung untermauern.

 

Besonders schön sind die sanften Klangschleifen, die Lipa gefühlvoll einbringt, voller Ausdruck und mit unvergleichlichem Einfühlungsvermögen. Und auch hier der textliche Kontrapunkt: während die Lyrics von Untröstlichkeit und Schwermut sprechen, ist es die Musik, die den sorgsamen Trost vermittelt.   

 

Spätestens nach dem Genuss der 13 Songs weiß man, dass die Solistin zu den aufregendsten Stimmen zählt, die sich je dem Bolero Style gewidmet haben. Lipa Majstrovic hat eine solch einzigartige Stimme, einen so einzigartigen Stil, so einzigartige Klangfarben und eine derartige Leichtigkeit in den einzigartigen Phrasierungen, dass das Zuhören nur einen Begriff zulässt: Genuss!

 

Weltgewandt bedient sie das Vokabular und lässt den Zuhörer an ihrem bilderreichen Soundverständnis teilnehmen. Auf der CD fließt ihre musikalische Handschrift so intensiv ein, dass das Gehör zur musikalischen Gebärmutter avanciert, – wo Leben entsteht.

 

Dass dies spürbar wird, ist freilich nicht nur Lipas herausragender Stimme und Gesangskunst zu verdanken, sondern auch ihrem erstklassigen Pianisten. Tizian Josts Gabe reicht von hingebungsvoll bis brillant-virtuos und so kann man feststellen, dieser Pianist macht Klavierbegleitung zu einem aufregenden Erlebnis.

 

Es ist in jedem Fall eine Begegnung der Superlative, denn beide überzeugen mit ihrem Facettenreichtum. Dabei entstehen viele nahezu erschütternde Momente – im positiven Sinne verstanden. Es gibt in der Kunstgattung Musik ein hehres Ziel:  gemeinsam ein Musikerlebnis zu schaffen, das ehrlich ist und die Seele bewegt. So kann man das Ideal auf den Punkt bringen. Und dieses Ideal findet seine bewegende Umsetzung auf der sorgfältig erarbeiteten CD von Lipa Majstrovic und Tizian Jost.

 

Ganz große Klasse – Gratulation!

                                                                                                                           © Julie Nezami-Tavi

 

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