Das jazzige M.O.D.Exposé

 

 

 

Ein Stück Zeitgeschichte – München, einstige Hochburg des Jazz

 

 

 

  München war einmal eine Kulturweltstadt!

 

  Ein Stück Münchner Kultur-Zeitgeschichte – stattgefunden im Jazz Club DOMICILE

 

 

 

  Im Leben einer enorm großen Landschildkröte auf den Seychellen scheint es erst gestern gewesen zu sein, da …. In unseren Gefilden und vor allem aus dem Blickwinkel unserer menschlichen Spezies gesehen, ist es nun doch schon ein Weilchen her, da ... Es ist wenige und dennoch einige Jahrzente her, da traf sich die Elite der Jazz-Musik in MÜNCHEN. International hochrangigste Megastars der Jazzszene gaben sich hier REGELMÄSSIG ein Stelldichein. Aber München bot auch das Fundament für viele Top-Newcomer, die von der Bayerischen Landeshauptstadt aus, ihre weltweite Karriere starteten.

 

 

  Mittlerweile muss man schon fast eine Massenflucht befürchten – und zwar flüchten im Kunst- und Kulturbereich kreative Köpfe WEG von München. Kulturschaffende suchen ihr Glück in anderen Gefilden – vorwiegend in Berlin.

 

 

  Einst hatte München den Ruf einer Kulturweltstadt – heute besticht München nur noch durch seine aus den Nähten platzende Veranstaltungsüberflutung. Vom mit Nüssen jonglierenden Eichhörnchen bis hin zum singenden Pommes Frites Verkäufer – alles wird vermarktet. Zahlen verdrängen Inhalte, der Darbietungswert wird an bloßen Ziffern bemessen – die Bretter, die einst die Welt bedeuteten, sind heute nur noch sperrige Latten, deren Holz-Wert marktschreierisch geschätzt wird.

 

 

  Das war nicht immer so. Noch bis weit in die 1980er hinein florierte die Kunst- und Kulturweltstadt München. Es waren die 60er, 70er, 80er, in denen München für die genialsten Kreativköpfe unter den Kulturschaffenden höchste Anreize schaffte und es war die Zeit, in der Weltgrößen des Jazz regelmäßig lokale Clubs frequentierten. Genauer gesagt: einen Club, dem es gelang, 5 Tage in der Woche en-suite, alles, was IN DER JAZZ-WELT Rang und Namen hatte, in die Schwabinger Siegesstraße und später in die Leopold Straße zu locken.

 

 

  Anfangs war es die Zeit, als man dem bis 1944 die gesamte deutsch-politische Kulturlandschaft geistreich informierenden Satiremagazin Simplicissimus, dessen Redaktionssitz von 1896 bis 1944 unablässig in München war, (nur die Druckerei-Stätten wechselten), so sehr nachtrauerte, dass zahlreiche Wiederbelebungsversuche stattfanden. Erfolgsversprechender verhielt es sich mit dem gleichnamigen Künstlerlokal/Weinrestaurant/Kabarettbühne „Simplicissimus“ in der Türkenstraße (Maxvorstadt), Treffpunkt zahlreicher Literaten und Kabarettisten, dem nach der Zerstörung durch Bombenangriffe (1944) das „Neue Simpl“ folgte, wiederum Namensgeber für das in den 80er Jahren neueröffnete urige Münchner Wirtshaus „Alter Simpl“.

 

 

  Im „Simpl“ genossen Künstler und Publikum lange Zeit die beliebte, traditionelle und wohl auch beste Linsensuppe des Landes. Musikalische Leckerbissen bot hingegen das im angrenzenden Stadtviertel Schwabing liegende „Domicile“, welches Größen wie den Pianisten, Komponisten und gebürtigen Wiener Friedrich Gulda, den großartigen Posaunisten Albert Mangelsdorff, Deutschlands Komponistenperle Klaus Doldinger, das renommierte Joe Haider Trio, den musikalisch höchst feinfühligen, serbischen Trompeter und Flügelhornisten Dusko Goykovich, den, ebenfalls in zahlreichen berühmten Bigbands tätigen amerikanischen Saxofonisten und Klarinettisten Don Menza sowie unzählige Mitglieder etlicher Jazz-Formationen wie der Max Greger Band und viele andere Starsolisten, beherbergte.

 

 

  Mit der lässigen Ungezwungenheit gegenüber seiner Zeit und deren stilistischen Traditionen eröffnete Ernst Knauff – zuerst in besagter Siegesstraße, Nr. 19, später in der Leopoldstr., wiederum Nr. 19, (19 Treppenstufen abwärts im Basement befindlich), ein Jazz-Etablissement, dessen Leidenschaft für die Musik, die zugrunde liegende emotionale Spannkraft und vollendete Performance des Genres, seinesgleichen sucht.

 

 

  Hier in München wird die Geschichte des Jazz neu geschrieben – eine Story über im Grunde genommen Außenseiter, die die Kontrolle über die festgefahrenen Mechanismen der Unterhaltungsindustrie gewinnen und damit die größtmögliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen – ein Aufmerksamkeitslevel, das hierzulande und in dieser Breite, auf diesem Genre vorher und hinterher nie mehr erreicht wurde.

 

 

  Keine sogenannten „Superstars“ und derlei Sternchen – sondern wahrhaftige Musiker aus Passion, die an sämtlichen Bereichen ihrer Arbeit beteiligt sind. Wo zu den Auftritten, neben dem selbstverständlichen Beherrschen des Instruments, auch die Arrangements, das Songschreiben und oftmals sogar die Produktion in allen Belangen, dazu gehörte. Kein synthetisches Delegieren, keine Krisenmanagementsitzungen, kein elektrotechnisches Silikon in der Partitur – eigene Kreativität war angesagt. Dies bedeutete wahrhaft – man kann es gar nicht oft genug betonen: konstruktives Handeln aus eigener Kraft, musikalische Leidenschaft, Persönlichkeit, Charakter ebenso wie Charisma, UND Authentizität. Dass etliche Musiker pekuniär nicht so viel erreichten, wie den heutigen Interpreten gleichsam von selbst zufällt, bedeutet nur eine zusätzliche Aufwertung ihrer individuellen Leistungen. Eine Errungenschaft, die in der momentanen Zeit, in der künstlerische Freiheit in der Musik längst zur Selbstverständlichkeit avancierte, unvorstellbar hoch einzuschätzen ist – und vielleicht auch eine wertorientierte Basis mitbegründete.

 

 

  Hochkarätige Musiker aus dem Jazz-florierenden Amerika fanden den Weg nach München – und sie haben sich regelrecht darum gerissen, hier aufzutreten. Heute spielen – zweifelsohne talentiert und qualitativ ordentlich – Münchner Musiker mit Lokalkolorit in kleineren Jazz-Bars. Leider genügen die mit der Lupe auffindbaren Taschengeldhonorare und freie Getränke für die Dauer eines Abends nicht, um den Lebensunterhalt zu sichern, so dass das Gros der Musiker gezwungen ist, untertags noch einem weiteren Beruf nachzugehen. Allenfalls die Münchner Unterfahrt (Jazzclub) versucht heute irgendwie an die Tradition des Domicile anzuknüpfen. Vergleichsweise freilich in bescheidenerem Ausmaße. Vielleicht ist es aber auch unfair die beiden Etablissements überhaupt zu vergleichen – jedes auf seine Weise … Daher darf man durchaus froh sein, heutzutage in München überhaupt noch eine Einrichtung vorzufinden, in der Jazz als Musikstil seine Wertschätzung erfährt.  

 

 

  Dennoch gebietet es die Ehrfurcht, daran zu erinnern, dass München einst gar die Stadt war, in der man als Jazz-Musiker nicht nur ausgezeichnet leben konnte, es war das Jazz-Mekka, in das Musiker aus aller Welten Länder mit Freude anreisten, um hier gefeierte Auftritte in ausgiebiger Manier auszuleben. Ausleben im wahrsten Sinne des Wortes – man lebte den vielzitierten Traum. Und das in München, der HOCHBURG des JAZZ-Geschehens in Europa. Diesen Ruf hatte man einem Mann und seiner Vision zu verdanken: Ernst Knauff, der mit Kompetenz und Leidenschaft, seinem ganzen Können, seinem Ideenreichtum und seinem Sinn für das Machbare einen Club gegründet hatte, der eine neue Ära realisierte.

 

 

  Die Ära, in der ein einziger Jazz-Club es vermochte, sie alle anzulocken. Alles, was im Jazz international von Rang und Namen war, machte sich auf den Weg in die Bayerische Landeshauptstadt. Die Jazz-Größen gaben sich ein Stelldichein und dabei regelrecht die Klinke in die Hand. In reichhaltiger Abwechslung nahmen sie ihre Plätze auf dem Auftrittspodest ein – dort, wo Qualität groß geschrieben wurde: im Münchner Jazz-Club „Domicile“.

 

 

  Ernst Knauff achtete penibel darauf, dass das gesamte Umfeld stimmig war. Dazu gehörte ebenso die Auswahl der Zusammenarbeit ausschließlich mit Zielpersonen, deren künstlerisches Wirken das Prädikat „hochwertig“ verdiente. Besonders wichtig natürlich auch die fototechnische Darstellung nach außen. Für die optische Präsentation kontaktierte er den Mann, dessen Reputation in Sachen „Fotografie und Jazz“ abendfüllende Bände sprach: Josef Werkmeister.

 

 

  Von a bis z, von außergewöhnlich bis zuverlässig – Josef Werkmeister verfügte nicht nur über das „fähige Auge“, einzigartige Motive zu erspähen, sondern auch über das Geschick, Stimmungen, präzise einzufangen. Der Fotograf vermochte es, den exakten Augenblick prägnant auf den Punkt respektive in diesem Fall „aufs Bild“ zu bringen. Seine Fotos bannten Laune und Atmosphäre und verwandelten abstrakte Elemente in die SICHTBARKEIT. Das Gefühl eines Atemlufthauchs – für das bloße Auge zu erkennen. Zur Kunst des akkuraten Ablichtens wertvoller Momentaufnahmen, hatte sich Josef Werkmeister zudem bereits als ausgewiesener Jazz-Experte profiliert. Was wollte man mehr? Ernst Knauff, seinerseits, hatte den rechten Instinkt bewiesen, gerade diesen Fotokünstler an seine Seite zu holen.

 

 

  Und auch tontechnisch kann das Domicile mit extravaganten Aufnahmen in Verbindung gebracht werden. Denn die renommiertesten Labels (u.a. Enja) nutzten den Jazz Club für mittlerweile historische Aufnahmen.

 

 

  Die Geschichte ist dennoch weniger eine intuitive Huldigung an internationale Jazzgrößen, als vielmehr die Biografie eines Clubs, der Münchens Reputation als Weltstadt des Jazz, zu höchsten Ehren verholfen hat. Nicht nur Jazz-Experten finden, dass es eine Story ist, die durchaus wert erscheint, erzählt zu werden.

 

 

  Noch kann die Geschichte aus erster Hand erzählt werden und somit ihre wahre Authentizität erfahren.

 

 

  Die Story, intensiv erzählt, bietet die einzigartige Chance, sich nicht mit bloßen Statistiken begnügen zu müssen, wenn es darum geht, Münchens Ruf als Weltstadt mit kulturellem Herz, zu präsentieren. …

 

 

                         … Fortsetzung folgt.

 

 

© Julie Nezami-Tavi

 

 

 

 

Fotos: copyright by Josef Werkmeister

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