VEDUTEN VII

(c) Magdalen Mary Pemberton

 

 

Diese Sammlung schliesst an die "Veduten VI" - s. hier unten - an.

 

Das Buch "Veduten I-V" hat die ISBN 978-3-8448-0305-1 und kann

sowohl im Buchhandel als auch im Internet bestellt werden.

Die Printausgabe kostet EUR 10.

 

Diese exklusive Ausgabe der "Veduten VII" ist aktuell nur 

hier zu lesen. Da aber auch sie in erster Linie für meine

Schweizer Leser gedacht ist, wird, so wie im Buch, eine

Rechtschreibung ohne "ß" verwendet.

 

Ausgabe: 27. Januar 2018

 

 

Veduten VII, 2017

 

Bilder und Augenblicke

im den Kantonen Bern und Graubünden

sowie rund um den Vierwaldstättersee

 

 

Der plötzliche Schnee

 

Das alte Posthotel Albrici, Poschiavo

 

Die Jungfrau

 

An den Niesen

 

Skizzen

 

Die leere Kutsche

 

Marsmann

 

Glacier Blue

 

Gemälde

 

Gasthaus am Brünigpass

 

Über den Simplon

 

Rückblick im Herbst

 

Im goldenen Rahmen

 

Nachklang

 

ANHANG: Nonsensreime

 

 

 

 

Der plötzliche Schnee

- Mit dem Postauto durch Splügen

 

In weissen Tutus, Schals über die Schultern,

Sind sie versammelt in schweigsamen Gruppen.

Es sind Elevinnen mit schmalen Fingern,

Bereit, den grossen Reigen zu beginnen.

 

Die Häupter zieren hohe Spitzenkrönchen,

Kristalle funkeln in den offenen Haaren.

Ihr Liebreiz ist unnachahmbar. Der Himmel

Hält inne; bald unheimlich wird die Stille …

 

Wann wird der Choreograph das Zeichen geben,

Damit, dem Uhrwerk gleich, sie sich bewegen?

Der Schnee hat sie identisch angezogen,

Gesichter aber zart hervorgehoben …

 

Erst gestern standen hier bloss viele Tannen.

Doch jetzt trägt jede einen eignen Namen.

 

- Sonett -

 

 

 

 

Das alte Posthotel Albrici, Poschiavo

- Wiederkehr 2016, nach 34 Jahren

 

Die Zeit ist anders stehn geblieben hier.

Wie damals bleib ich zögernd in der Tür.

Römische Ziffern les ich auf der Uhr.

Ein Stammgast trinkt, wie eh und je, sein Bier.

 

Ich nehm am Feuer, wie gewohnt, gleich Platz,

Notiere: "Täfelung, Teller aus Zinn …"

Die Alten wissen nicht mehr, wer ich bin.

Doch ist's, als ob man mich erwartet hat.

 

Ich muss nicht fragen, denn mein Bett steht leer.

Die Jahreszahl von Sechszehnhundertzwei-

Undachtzig weist voraus, ein grader Pfeil.

Für jeden gibt es eine Wiederkehr …

 

Die Münzen leg ich hin; mein Weg ist weit.

Ich bin die alte und die neue Zeit.

 

- Sonett -

 

 

 

 

Die Jungfrau

- Vom Hotel Hirschen in Matten aus gesehen

 

Karten, Reliefs, Beschreibungen, Photos -

Bemessen wurdest Du, dokumentiert.

Durchbohrt, zertreten, lieblos malträtiert,

Verheizt für Kitsch und für Werbungslogos.

 

Welch Hochmut! Nackte Zahlen in der Hand,

Glaubten wir fest, Dein Wesen zu verstehn,

In Bildern die Geheimnisse zu sehn,

Die Du hütest. Beäugt vom Hardermannli

 

Glühst Du sekundenlang im Abendrot,

Um dann den Wolkenschleier zuzuziehn,

Um allzu heissen Blicken zu entfliehn.

Denn Deine Stimmungen sind unser Los;

 

Und ob Du für uns da bist oder nicht

Entscheidest Du tagtäglich nur für Dich.

 

- Sonett -

 

 

 

 

An den Niesen

 

Wer in Deinem Schatten lebt,

Hoch zu Dir die Augen hebt,

 

Sieht den einstgen Meeresgrund,

Lauscht Millionen Jahren Kund'.

 

Und wer auf den Gipfel steigt,

In Gedanken bei Dir bleibt,

 

Schaudert vor des Windes Macht,

Wie er wütet, heult und kracht.

 

Wer die Kraft des Schiefers spürt

Wird auf sichrem Weg geführt.

 

Wer in Deinem Schatten wohnt

Bleibt vom Unheil stets verschont.

 

 

Durch die Alpenfaltung verfrachtete sich der Niesen

vom Süden her an die jetzige Stelle. Seine Geschichte

begann vor 70 Millionen Jahren, als sich am Grund des

Urmittelmeers schiefrige Schichten ablagerten.

 

 

 

 

Landschaft, mit Weiss veredelt

- Mit der BEX im November

 

Der grosse Fotoshopper

   Hat's wieder einmal

Nicht lassen können.

 

 

 

Schlecht verdaut

- Betonblock als "Ergänzung" zum alten Museum

 

Sieht ganz schön

   Schlecht verdaut

Aus.

 

 

 

Walter de la Mare vor Vitznau

 

"Look thy last

   On all things lovely

Every hour."

 

- Zitat aus dem Gedicht "Fare Well" von Walter de la Mare

 

 

 

Profilstangenspotting

- Vom Schiff aus

 

Man muss

   Nur lernen

Wegzuschauen.

 

 

 

 

Die leere Kutsche

- Matten bei Interlaken

 

Vorbei am Fenster, abends spät,

Das müde Pferd nun heimwärts strebt.

Anweisung braucht es keine mehr,

Und ruhiger ist der Verkehr.

 

Ich sehe auf das Pferd hinab

Vom Fenster, lausche "Trab, trab, trab".

Ansonsten nehme ich endlich wahr

Des Brunnens Stimme, hell und klar.

 

Das weisse Pferd, die schwere Last;

Die Sommertage ohne Rast.

Sie nehmen alles schweigend hin,

Drehn sich im Kreis ohne "Wohin?"

 

Denn vieles starb im Lärm der Zeit.

Und Pferd und Kutscher, nun zu zweit,

Ohne Touristen, scheinen verloren.

Wurden sie nur für dies geboren?

 

Gespenstisch ist die leere Fahrt.

Das Bild ist bei mir aufbewahrt.

Der alte Spruch hat noch Gewicht:

Sie schauen nur - begreifen nicht.

 

 

 

 

Marsmann

- Mit dem Ländlerschiff im November

auf dem Vierwaldstättersee

 

Wir bleiben scheinbar doch am selben Fleck,

Derweil Kulissen, zweidimensional,

Von unsichtbarer Hand kunstvoll bewegt,

Geräuschlos ausgewechselt werden. Kahl

 

Sind diese Klippen. Unerschrocken fährt

Das Schiff dahin, wie eine Zeitkapsel.

Wir schauen durch die Scheiben. Umgekehrt

Sind wir Figuren nur im Guckkasten …

 

Ein Marsmann schaut dem bunten Treiben zu,

Versteht den Ländler nicht; weiss nichts vom Tell

Und den Legenden. Doch es dämmert früh …

Bizarre Schatten seh ich auf dem Fels,

 

Darin wir einst Gesichter deuteten

Und flammende Drachen vermuteten.

 

- Sonett -

 

 

 

 

Glacier Blue

- Die Eisgrotte

und der Rückgang des Rhonegletschers

 

Blue, blue, glacier blue,

Schwarzbeschmutzter Gletscher, Du.

Tränen waschen Dich nicht rein,

Denn der Staub ist viel zu fein.

 

Blau, Blau, Gletscherblau;

We don't have the time right now.

Give us just a million years,

We'll rebuild you with our tears.

 

Blue, blue, glacier blue,

Leuchtest uns gebrochen zu.

Gletscher stirbt. Die Farbe auch.

Hohler Schall! Und heisser Rauch!

 

 

 

 

Gemälde

- Am Thunersee

 

Am Anfang gab es keine bunten Worte

Und niemanden, um Worte auszusprechen.

Farbtöne gab es nicht; und keiner konnte

Pigmente mischen oder sie benennen.

 

Noch unbeachtet formten sich die Berge,

In Anonymität und ohne Hast;

Und ungehindert fanden Wasserfälle,

Gletscher und Ströme ihren Weg hinab.

 

Gemälde gab es nicht; es war nicht nötig,

Erinnerung und Mahnung festzuhalten ...

Der Abend atmet in Azur, mit Flüssig-

Gold übergossen. Manche scharfe Kanten

 

Werden verwischt durch watteweiche Wolken …

Und ganz allmählich wird's zum Bild vom Hodler.

 

- Sonett -

 

Der Maler Ferdinand Hodler (1853-1918) trat zunächst

eine Lehre als Ansichtenmaler in Thun an.

Als 18-jährige wurde er Lehrling des Vedutenmalers

Ferdinand Sommer in Thun.

 

 

 

 

Gasthaus am Brünigpass

- Abendstimmung im Spätsommer

 

Wenn der letzte Zug abfährt,

Totenstille hier einkehrt,

Höre ich die kleinen Glocken,

Die mich zum Verweilen locken.

 

Einmal braun und viermal weiss

Kenne ich die hübschen Geiss',

Die sonst keiner mehr beachtet

Wenn es dämmert, wenn es nachtet.

 

Lange vor der Geisterstund',

Eh' der Vollmond leuchtet rund,

Rollen Räder, ohne Rattern,

Rasch vorbei im Schutz der Schatten.

 

Und der Pass lebt wieder auf,

Mit dem bunten Volk zuhauf.

Postkutsche, einsamer Reiter

Und Verfolgter eilen weiter.

 

Liebende, wohl auf der Flucht,

Zitternd vor des Vaters Wut;

Söldner mit schmerzenden Füssen -

Keiner tut den andern grüssen -

 

Und den Schmuggler seh ich auch,

Mit der Ware um den Bauch.

Schliesslich kommt der alte Säumer

Mit den Eseln; und ich träume

 

Von dem Gasthaus, wo noch fein

Schimmert grün der kühle Wein.

Wenn die Autos nicht mehr rasen,

Wenn die Geisslein friedlich grasen …

 

 

 

 

Über den Simplon

- Dem Vater versprochen

 

Dein Reiseziel war Domodossola.

Europa auf dem Küchentisch! Spannend

War Dein Bericht über das Zauberland

Und was vor Zeiten alles dort geschah.

 

Mit einem Jugendfreund brachst Du mal auf,

Durchquertest schon die Schweiz und den Simplon.

Erzählt hast Du mir von Napoleon,

Vom steinernen Adler, Tunnel und Pass.

 

Erinnern kann ich mich an ein Photo;

Und ich versprach, selbst eines Tages hin-

Zufahren. Unvorstellbar für das Kind!

Doch Du warst hier und trankst auch Espresso 

 

Wie ich jetzt, auf der sonnigen Piazza,

Noch aus der dicken, porzellanenen Tasse.

 

- Sonett -

 

"To leave the dreaming village …"

 

 

 

 

Rückblick im Herbst

- Das leere Zimmer

 

Ich konnte nichts mehr festhalten vom Traum.

Erwachend fand ich meine Hände leer.

Verflogner Klang, Hauch eines Bildes; vier

Kahl gewordene Wände sind der Raum.

 

Wohlan! Nun fort von hier mit frischem Mut!

Der Sanduhr sanftes Spiel hat mich erfreut,

Drum Lachen, Weinen hab ich nicht bereut;

Und was auch immer war, ich heiss es gut.

 

Die Ernte wird in Sicherheit gebracht.

Die Sonne breitet lange Arme aus

Und holt den Wanderer noch heil nach Haus.

Doch einer sitzt beim Kerzenlicht und wacht …

 

Was von uns übrig bleibt? Ich weiss genau:

Der Stein, der Grashalm und der Tropfen Tau.

 

- Sonett -

 

 

 

 

Im goldenen Rahmen

- "Familie König vor ihrem Haus"

 

Familie, Tisch; einfaches Abendbrot.

Der kleine Bruder ist der Mittelpunkt.

Der Bogen wilden Weins umrahmt die Szene.

Ein Wasserfall perlt lautlos in der Ferne.

 

Wie kostbar ist der Alltag! Hühner, Hund

Und Topfenpflanzen finden Platz im Bild.

Detailgetreu die kleinsten Gegenstände -

Denn voller Liebe sind des Vaters Hände.

 

Von neunzehn Kindern überlebten Dich

Nur vier. Du hieltest fest jedes Gesicht.

Ein Stückchen Himmel schimmert in der Ecke …

Ergriffen weil' ich vor dem Bild; entdecke,

 

Da auf der Bank, Samtpfötchen artig stehen.

Es darf die treue Katze niemals fehlen!

 

- Sonett -

 

Das Bild wurde von Franz Niklaus König (1765-1832) gemalt.

Es war Teil der Ausstellung zum Unspunnenfest 2017

im Kunsthaus Interlaken

 

 

 

 

Nachklang

 

Es knistert der Schnee,

Die Eiszapfen funkeln;

Bedeckt ist der Weg,

Und blendend die Sonne.

 

Ihr Pässe, lebt wohl!

Ihr schlafenden Weiden!

Der Sommer ist hin,

Der Dichter muss scheiden.

 

 

 

 

ANHANG:

 

Nonsensreime

- Knotenarten für Matrosen

 

 

Der Mastwurf

 

Der Mast-Wurf kannte sich nicht aus,

War auf dem See gar nicht zu Haus.

Doch, ob gemästet oder nicht,

Verlor er eh das Gleichgewicht.

 

 

Der Palstek

 

Dem Palste-k fehlte nur ein "a",

Dann wurde er gebraten gar.

Dies Schicksal traf ihn heiss und hart,

War er doch in der Seele zart.

 

 

Die Affenfaust

 

Der Affe ballte fest die Faust,

So ward der Seehund auch entlaust.

Die Überraschung war zu gross;

Da war er seine Faust bald los.

 

 

Der Augspleiss

 

Der Augspleiss war ein fescher Kerl,

Er schielte stets nach einem Girl.

Nach Jahren dieser Tätigkeit

Erlag er der Kurzsichtigkeit.

 

 

 

VEDUTEN VI

(c) Magdalen Mary Pemberton

 

 

Diese Sammlung schliesst an die "Veduten I-V" an.

Das Buch hat die ISBN 978-3-8448-0305-1 und kann

sowohl im Buchhandel als auch im Internet bestellt werden.

Die Printausgabe kostet EUR 10.

 

Diese exklusive Ausgabe der "Veduten VI" ist aktuell nur 

hier zu lesen. Da aber auch sie in erster Linie für meine

Schweizer Leser gedacht ist, wird, so wie im Buch, eine

Rechtschreibung ohne "ß" verwendet.

 

Ausgabe: 31. Mai 2017

 

 

Veduten VI, 2016

 

Bilder und Augenblicke

im Berner Oberland

sowie rund um den Vierwaldstättersee

 

 

Aus fernen Ländern

 

Porträt einer alten Dame im Café

 

Das letzte Bild

 

Vue d'Interlaken

 

Weg im Morgengrauen

 

Skizzen

 

Dornröschenschlaf

 

Ins Herz vom Kanton Uri

 

Alphornklänge

 

Das Wirtshaus "Reussfähre"

 

Als ein Pilger

 

Nachklang

 

 

 

 

Aus fernen Ländern

- Im Café, Interlaken

 

Aus fernen Ländern kommt zu uns Kakao;

Voller Verheissungen duftet der Zimt.

Es wird gepflanzt, geerntet - alles stimmt.

Gesegnet ist der reiche Ackerbau.

 

Fröhlich gackern die Hühner; langsam reift

Das Korn, Kühe gedeihen. Und Sonne, Mond

Lösen sich ab, bis eines Tages, blond

Gelockt, die Bäckerin zur Waage greift

 

Und bäckt mit Sorgfalt Ware zum Verkauf.

Doch täglich werft Ihr Tonnen in den Müll

Und überhört der Hungernden Gebrüll.

O, diese Rechnung geht nimmermehr auf!

 

Es hat zuletzt umsonst die Kuh gelebt -

Und bar Berechtigung der Mensch gelebt.

 

- Sonett -

 

 

 

 

Porträt einer alten Dame im Café

 

Ein Überbleibsel aus der Zeit, als "Grand"

Noch Grand bedeutete. Mit finstrem Blick

Hat sie den Raum betreten; mit Geschick

Und strenger Stimme jeden in der Hand

 

Gehabt. Wie gestern auch -  ununterbrochen.

Sanft schlummernd sitzt sie jetzt in ihrem Sessel

Und wirkt unabsichtlich wie eine Fenster- 

Puppe, platziert, um Kunden anzulocken.

 

Und Güte kehrt zurück, Zufriedenheit.

Das neugekaufte Kleid steht ihr perfekt;

Sie träumt, die dunklen Haare hochgesteckt,

Sich kurz zurück in ihre Mädchenzeit.

 

Sie wartet auf den Bursch, der sie verehrt.

All das ist einen Wimpernschlag entfernt.

 

- Sonett -

 

 

 

 

Das letzte Bild

- Landschaft mit DS Unterwalden

 

Dreihundertfünfundsechzig Tag im Jahr,

Aus dem Gedächtnis sicher abrufbar,

Seh ich Pilatus und den Rigi-Kulm,

Dazwischen Bürgenstock und Stanserhorn.

 

Da sind die Kirchen, dort der Wasserturm

Mit Kapellbrücke; links das Château Gütsch

Und rechts der Museggtürme Silhouette.

Selbst sollte ich sein am andren End der Welt -

 

Und gleich, ob Winter, Frühling, Sommer, Herbst -

Wird mein Herz wissen, wo es hingehört.

So warte ich getrost, mit Zuversicht.

Ich werd nicht dort sein müssen, wenn mein Blick

 

Über die heissgeliebte Landschaft schweift

Und einmal noch die Unterwalden pfeift.

 

- Sonett -

 

 

 

 

Vue d'Interlaken

- "Landschaft mit Tier- und Figurenstaffage

und Blick auf den Brienzersee"

 

Mit Skizzenbücher, Staffelei, Geduld

Und Übung schuf der Meister dieses Bild,

Produkt zahlreicher Stunden. Auch wir brauchen

Musse, um diese Landschaft anzuschauen.

 

Hier stimmen die Verhältnisse. Der Mensch

Wirkt klein inmitten der Natur. Der Schnee

Ist pinselweich, das Wasser schimmert kühl;

Fast spürbar weht die sanfte Brise her …

 

Heute sind Seen, Stadt und weisse Berge

Bloss noch Kulissen für Touristenselfies.

Doch sind wir hier Staffagen, austauschbar,

Und stellen nichts, was wichtig wäre, dar.

 

Was ist ein Dokument der Flüchtigkeit

Nebst solch Beweisen für die Ewigkeit?

 

- Sonett -

 

Das Bild wurde von Anton Winterli (1805-1894) gemalt.

"Vue d'Interlaken" war der Titel einer Ausstellung im

Kunsthaus, Interlaken im Sommer 2016.

 

 

 

 

Weg im Morgengrauen

- Interlaken

 

Hebt man die Augen auf

Werden im Halblicht

Umrisse sichtbar

Elegant geschwungene Dächer

Verspielte Türmchen verzierte

 

Balkone gusseiserne Tore

Es ist noch früh und

Die Farben sind zurückhaltend

Filigran geschnitzte Giebel

Hübsche Fensterläden

 

Doch drinnen ticken die Uhren

Und der Tag wird

Unausweichlich anbrechen

Senkt man den Blick

Sind stolze Chalets und edle Villen

 

Wie Gesichter

Mit ausgeschlagenen Zähnen

Und künstlich aufgesetztem

Lächeln

Die schwarze Katze durchstreift

 

Routiniert ihr Revier

Und verschwindet für immer

Die Sonne schaut sich schüchtern

Die Bescherung an und kann nicht

Einmal darüber weinen

 

 

 

 

Betonblöcke, Vitznau

 

Es fehlen: Anmut,

   Rücksicht und Bescheidenheit.

Nur diese drei.

 

 

 

Profilstangen um ein schönes altes Haus

 

Venusfliegenfalle?

   Schwarze Witwe?

Schwarzes Loch?

 

 

 

Schiff vor Betonkulisse

 

Die Rettung der Landschaft

   Stand nicht

In den Statuten.

 

 

 

DS Blümlisalp im Schiffskanal, Thunersee

 

Schafe schauen

   Schiff; Schiff

Schaut Schafe.

 

 

 

Front door, back door

- Vorne und hinten im Hotel

 

Die einen werden auf Händen

   Getragen. Die anderen

Mit Füssen getreten.

 

 

 

"Sale to foreigners possible", Interlaken

- Untertitel gestrichen

 

Immerhin

   Gegen

Geld.

 

 

 

Sandrinas Konfiserie-Vogel

 

Der Zuckervogel frass

   Und starb; und dachte sich

Gar nichts dabei.

 

 

 

General Guisan im Jahre 1940

 

Er sprach gegen "Resignation,

   Kleinmut und Anpassung".

Aber - warum?

 

 

 

 

Dornröschenschlaf

- "Steiner's Second Hand Shop"

im ehemaligen Park Hotel, Goldswil

 

Die Sachen sind zurückgekehrt.

Wer hat sie denn so lang entbehrt?

Wie fanden sie den Weg hierher -

Grossmutters Pfanne, Teddybär?

 

Andenken, Tassen, Kuckucksuhr,

Schuhbänder, Bettgestell, Fernrohr;

Schallplatten, Onkels Radio,

Und Tantchens Stecknadeln en gros …

 

Das Militär in einem Raum,

Die Harmonie vorstellbar kaum;

Ob Schweizer, Russ oder Franzos,

Die Uniform ist tadellos.

 

Komm, kaufen wir Vergangenheit -

Photos der Ahnen stehn bereit!

Vergangenheit soviel Du magst,

Mitsamt der Zukunft, wenn Du's wagst!

 

Die Ansichtskarten sind sortiert,

Die Sportpokale schon datiert;

Und alles schläft und hofft auf uns,

Ob Tand, ob vielgeflickt, ob Kunst.

 

Zur Probe ziehn wir uns nur an

Als Bäuerin, als reichen Mann,

Und wählen Werkzeug, Ring und Hut -

Die Ziehharmonika wär gut …

 

Der Babyschuh, das Leichentuch,

Ob Segen sie gebracht, ob Fluch;

Geliehen war die Wahlfreiheit,

Geliehen auch die Lebenszeit.

 

 

 

 

Ins Herz vom Kanton Uri

- Mit der Bahn durch die Schöllenenschlucht,

vom Süden kommend

 

Dies wurde nicht für uns gemacht.

   Abweisend ist der Stein.

Der Teufel grinst da an der Schlucht

   Und flüstert: "Du bist mein!"

 

Die Brücken sind gar kühn gebaut,

   Sie trotzen der Gefahr.

Doch täuschend ist die Sicherheit -

   Der Teufel haust auch da.

 

Wer weiter will - geh mit Bedacht!

   Such keine Seelenruh!

Wie konnten wir ihn übersehen …

   Die Falle schnappt schon zu.

 

 

 

 

Alphornklänge

 

Ein einzger Ton genügt. Die Zeit steht still,

Ruhiger wird der Atem. Und in Dur

Erklingt die Melodie - nicht schnell, nicht schrill -

Leuchtender Klang aus Terzen, Quinten pur.

 

Einsam, doch nicht allein! Der Widerhall

Ist rein. Bald spielen sie im Chor. Das Herz

Singt tastend, freudig mit; und auf einmal

Zerstreut die Harmonie den tiefsten Schmerz.

 

Himmel und Erde sind sich nah. Der Lauf

Der Sterne wird sanft korrigiert; verbannt

Sind Misstöne, Disharmonie. Hoch auf

Dem Berg umspinnt Musik das ganze Land.

 

Wer Alphornklängen lauscht, wird dies verstehen:

Die Schöpfung hat das Moll nicht vorgesehen.

 

- Sonett -

 

 

 

 

Das Wirtshaus "Reussfähre"

- Luzern

 

Wir haben alles, eigentlich,

Die Autobahn, die grosse Brück';

'Ne Fähre braucht hier keiner mehr,

'Ne Fähre passt heute nicht her.

 

Der Name ist schon antiquiert,

Die Einrichtung g'hört liquidiert.

Der Bisonkopf da an der Wand -

Und keiner weiss, woher er stammt!

 

Die Jukebox dreht das Rad zurück

Und ach, die Zeit rennt wie verrückt.

Der Hit ist Hazy Osterwald,

Und "so wie damals" wird es bald …

 

Damals! Einst hatt' die Reuss die Macht

Über den Mensch; wer hätt' gedacht,

Dass Eisen, Stahl und viel Beton

Könnt' zähmen diesen starken Strom?

 

Wer von uns wagt die Überfahrt?

Unsre Gemüter sind zu zart.

Wir wiegen uns in Sicherheit,

Ein Fuss in der Vergangenheit …

 

Der Reussgeist reisst die Pfeiler durch,

Wir starren in die Wellenflut;

Ob wir erreichen festes Land -

Der Fährmann hat's noch in der Hand!

 

 

- Für Hans und Paolo

und alle Mitarbeiter und Stammgäste

 

 

 

 

Als ein Pilger

- Beim Anblick der ausgesteckten grünen Hänge

hinter dem Park Hotel, Vitznau

 

Lief' ich über Blumenwiesen,

Hätt' ich starke, starke Kniee,

Tät' ich Profilstangen brechen,

Einmal deutlich Zeichen setzen.

 

Ging' ich durch die weiten Länder,

Hätt' ich starke, starke Hände,

Tät' ich Profilstangen reissen,

Und man würd' mich weise heissen.

 

Wanderte ich als ein Pilger,

Tät' ich Profilstangen tilgen,

Um sie brennend aufzuhäufen,

Höher als der Berg Pilatus.

 

Läg' ich schweigend dann im Kerker,

Hätt' ich starke, starke Schmerzen,

Tät' ich nur von Wiesen träumen

Und blühenden Apfelbäumen.

 

 

 

 

Nachklang

 

Es funkelt der See

Mit Sterndiamanten,

Ich tauche hinein,

Ich will sie nur fangen.

 

Ihr Wellen, lebt wohl!

Ihr Sonnen und Zeiten!

Die Jahre sind hin,

Der Dichter muss scheiden.

 

 

 

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